Actrices ... oder der Traum aus der Nacht davor

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Actrices ... oder der Traum aus der Nacht davor

Ein Film von Valeria Bruni Tedeschi

Zum Film

Die gefeierte Schauspielerin Marcelline steckt mitten in den Proben für die Hauptrolle der Natalaja Petrowna in Turgenjews Ein Monat auf dem Lande. Bewegung statt Psychologie ist das Credo des eigenwilligen Jungregisseurs, der seine Darsteller unaufhörlich über die Bühne jagt. Unaufhörlich vergeht die Zeit auch außerhalb des Theaters, und spätestens der unverblümte Hinweis ihrer Gynäkologin erinnert Marcelline daran, dass sie kurz vor ihrem 40. Geburtstag steht, Single, kinderlos und selbst wie ein staunendes Kind in einer unbegreiflichen Welt.

Begleitet von den nicht enden wollenden Ratschlägen ihrer ewig jungen, lebensfrohen Mutter schlittert Marcelline in das, was man eine ausgewachsene Sinnkrise nennt. Traum und Wirklichkeit, Hingabe und Eigensucht, Leben und Fiktion beginnen sich zu verweben und zu durchkreuzen: Da findet sich der Geist ihres verstorbenen Vaters zum nächtlichen Zwiegespräch auf dem Familiensofa ein, befreit sich Natalja Petrowna aus den Fesseln ihrer Figur, schmeckt der Kuss des allzu jungen, rätselhaft verführerischen Schauspielerkollegen Èric nicht mehr nur auf der Bühne …

In ihrem zweiten Spielfilm erzählt Valeria Bruni Tedeschi vom schmerzhaft brennenden Verlangen, das eigene Leben vor sinnloser Gewohnheit zu retten, mit der eigenen Sehnsucht gegen fremde Träume anzuspielen und der Einsamkeit ein befreiendes Lachen entgegenzusetzen. »Actrices … oder der Traum aus der Nacht davor« ist eine wunderbar anrührende, schonungslos selbstironische Tragikomödie voller funkelnder Dialoge und überraschender Wendungen, von Kamerafrau Jeanne Lapoire (»8 Frauen«, »Die Zeit die bleibt) hinreißend ins Bild gesetzt.

Neben Valeria Bruni Tedeschi glänzen u.a. Noémie Lvovsky, die auch am Buch mitgewirkt hat, Mathieu Amalric, Louis Garrel, Valeria Golino und Marisa Borini, im Film wie im Leben Valeria Brunis Mutter. »Actrices « wurde auf dem Festival in Cannes mit dem Prix Spécial du Jury in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet.

„Ich wollte Menschen zeigen, die leben. Wir leben und träumen, wir schlagen eine bestimmte Richtung ein, und irgendwann glauben wir, dass wir uns getäuscht haben. Wir wollen umdrehen, den Weg, die Richtung ändern. Wir hoffen, dass unser Leben irgendwie aus dem Gleis springt. Denn dieser alte Weg ist es nicht; das kann es nicht sein, was den Rest unseres Lebens ausmacht. Was haben wir aus unserem Leben gemacht? Hatten wir wirklich eine Wahl ?

Der Humor in »Actrices« ist immer etwas tragikomisch. Als würde man auf einer Beerdigung plötzlich einen Lachkrampf bekommen – man schämt sich dafür, und doch ist es befreiend. Ich weiß nicht, wie ich die Gründe für diese Art des Lachens erklären kann. Vielleicht ist da etwas in uns, das rebelliert, das unpassend sein möchte. Man muss lachen, damit das Leben nicht zu beängstigend ist, damit der Ernst, der Schmerz und der Tod nicht so übermächtig werden, dass sie die Freude, das Glück oder die Liebe erdrücken. Das ist ein Lachen, um zu überleben.“
(Valeria Bruni Tedeschi)


Pressestimmen

„Es fällt schwer auszudrücken, wie ergreifend diese Frau ist. Auf der Leinwand wirkt Valeria Bruni Tedeschi mit ihrer flüchtigen Grazie so zerbrechlich wie ein Kristall. Die Tollpatschigkeit ihrer Figur Marcelline hat etwas Rührendes, geradezu übernatürlich verkörpert sie ihre Rolle auf eine Weise, dass die Bilder direkt ins Herz gehen. Als Regisseurin gelingt es ihr, die Tragikomödie, das Metaphysisch-Absurde und die Respektlosigkeit in den Rang der schönen Künste zu erheben. Lange glaubte man, dass es für einen Europäer unmöglich sei, erhobenen Hauptes den Spuren eines Woody Allen zu folgen. »Actrices« beweist das Gegenteil.

Mehr als einmal finden sich dabei autobiographische Anklänge, und auch das ist ein Spiel für Valeria Bruni Tedeschi. Das Drehbuch basiert auf doppeldeutigen Dialogen – ein Wunderwerk, das nur schreiben kann, wer genau beobachtet und analysiert hat. Noémie Lvovsky und Valeria Bruni Tedeschi haben hinter der Fassade der Komödie ihre Gedanken zu tiefen, existenziellen Fragen, zum Muttersein, zur Einsamkeit, dem Verhältnis zu den Eltern, zum Tod versteckt: Ein Walzer der Schatten. Dieser Film mit seiner unendlich rührenden Marcelline-Valeria ist atemberaubend, bewegend, zutiefst erschütternd und urkomisch zugleich. Er ist wie ein schönes Geschenk an uns alle, von Valeria, unserer Schwester.“ (ARTE)

„»Actrices« entfaltet eine bezaubernde Anmut, die aus der Begegnung zwischen genau beobachteter Wirklichkeit und dem Sinn für das Groteske entsteht. Die Unmöglichkeit sich ganz ernst zu nehmen, der zärtliche und gleichzeitig illusionsfreie Blick auf den mal grausamen, mal lächerlichen Reigen menschlicher und gesellschaftlicher Eitelkeiten, der sich mit seinen in wenigen Pinselstrichen treffend gezeichneten Protagonisten unaufhörlich weiterdreht – das ist es, was diesen Film so liebenswert macht. Leicht wie eine Feder im Atemhauch der Phantasie steigt er auf und verströmt, wie aus Versehen, seine lächelnde Melancholie.“(Le Monde)

„Nicht umsonst hegt Valeria Bruni Tedeschi eine große Bewunderung für Woody Allen: Auch »Actrices« transformiert die Krise in ein Festival der Komik, feiert die Gegensätze und berauscht sich am Chaos. Zweifel und Melancholie setzen eine ungestüme, befreiende, burleske Kraft frei, die alles umwirft, Tortenschlacht inbegriffen.“ (Télérama)

„Die Stärke von Valeria Bruni Tedeschis Kino besteht darin, dass es ihr glückt, vom Intimen zum Universellen zu gelangen. »Die Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal gesagt, dass in den Momenten des Glücks unsere Imagination sehr frei, aber die Fähigkeit zur Empathie mit den Figuren sehr schwach ist. Umgekehrt sind wir im Unglück voller Mitgefühl, aber die Vorstellungskraft ist eingeschränkt. Man müsste es also schaffen, gleichzeitig voller Phantasie und voller Mitgefühl zu sein.« Diese Aufgabe hat Valeria Bruni Tedeschi wunderbar erfüllt.“ (Le Figaro)

„Das Wichtigste spielt sich hier immer auf einer zweiten Ebene ab, verborgen hinter wohl dosiertem Humor, mit einem Lächeln, das manchmal zur grimmigen Grimasse wird. In Szenen voller Flair des wirklich Durchlebten wird die Kamera zu einem Brennglas, in dessen Fokus die gefeierte, aber zerbrechliche Heldin immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Das alles ist stimmig erzählt, wunderbar inszeniert, lebhaft und lebendig. Bravo!“(Les Inrockuptibles)

„Vor und hinter der Kamera beschert uns Valeria Bruni Tedeschi mit ihrem wunderbar tragisch durchsetzten Humor das großartige Portät einer Frau und Schauspielerin. Und filmt die Zeit, die vergeht, mit einer Sensibilität, die den Großen des Kinos würdig ist.“ (Nouvel Observateur)

„Rock’n’rôle … Valeria Bruni Tedeschi hat einen aufregenden, großzügigen, herzerfrischenden Film über die Zweifel, die Launen und die Einsamkeit von Schauspielern gemacht. Ein Film, der immer die anderen im Blick hat, in dem immer wieder plötzlich und unerwartet jemand auftaucht, der den Blick auf sich zieht und den erzählerischen Faden wie im Vorübergehen aufnimmt. Diese neue »Lust auf andere« prägt auch die visuelle Gestaltung: Selten gibt es Schuss-Gegenschuss-Einstellungen, vielmehr wird aus Perspektiven erzählt, die es erlauben, alle Schauspieler im Blick zu behalten und ihnen das Wort zu überlassen.“ (Libération)

„Komisch, intelligent, einfühlsam, eine brillante Komödie im Geist von Woody Allen. Dieser Film zeigt uns Valeria Bruni Tedeschi in einem neuen Licht: dem einer großen Regisseurin.“ (Paris Match)

„Die Konstellation des Films hätte alles, um ins larmoyante Melodram oder sogar in die Katastrophenkomödie abzugleiten. Aber Valeria Bruni Tedeschi vermeidet auf wundersame Art das erste durch ihren Sinn für Ironie und das zweite durch die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit ihrer Fragestellungen. Die Einheit dieses Films verdankt sich seiner schönen, großherzigen Imagination, die in einem Atemzug die Außenwelt und die Innenwelt, die prosaische Anekdote und die traumhafte Vision in sich aufnimmt und die Beunruhigung und das Glück unserer Existenz zum Klingen bringt.“ (Le Figaro Madame)

Regiestatement

Romantisch, schmerzhaft und komisch


Interview mit Valeria Bruni Tedeschi

Wovon erzählt »Actrices«?

»Actrices« handelt von einer Frau, die das Gefühl hat, in der Mitte ihres Lebens zu sein und plötzlich aufzuwachen. Als ob sie ihr Leben lang geschlafen oder in einem Traum gelebt hätte, außerhalb der Wirklichkeit. Sie ist eine Schauspielerin. Spielen ist ihr Beruf. Auf der Bühne hat sie intensiv gelebt, sie hat geliebt auf der Bühne, gelitten und begehrt. In ihrem Leben ist sie allein. Sie hat keine Kinder. Warum ist sie an diesem Punkt angelangt? Sie weiß es eigentlich nicht. Hat es mit dem Tod ihres Vaters zu tun oder dem Tod ihres ersten Liebhabers? Oder liegt es an der erdrückenden Allgegenwart ihrer Mutter? Die Zeit ist vergangen, und nie hatte sie Zeit. Sie hatte nie Zeit dafür, Zeit zu haben. »Das Leben ist ein Traum«, so hätte der Film auch heißen können.

Ich wollte Menschen zeigen, die leben. Wir leben und träumen, wir schlagen eine bestimmte Richtung ein, und irgendwann glauben wir, dass wir uns getäuscht haben. Wir wollen umdrehen, den Weg, die Richtung ändern. Wir hoffen, dass unser Leben irgendwie aus dem Gleis springt. Denn dieser alte Weg ist es nicht; das kann es nicht sein, was den Rest unseres Lebens ausmacht. Was haben wir aus unserem Leben gemacht? Hatten wir wirklich eine Wahl ?

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Entstanden ist die Idee in einem Gespräch mit der Regisseurin und Schauspielerin Noémie Lvovsky, mit der ich seit langem befreundet bin. Ich erzählte ihr von einer wichtigen Episode aus meinem Berufsleben, nämlich dem Moment, als ich in Turgenjews Stück »Ein Monat auf dem Lande« in der Rolle der Natalja Petrowna durch die Regieassistentin ersetzt wurde. Sowohl Noémie als auch ich dachten, dass das ein interessanter dramaturgischer Ausgangspunkt für eine Geschichte sein könnte: Jemand, der den Platz eines Anderen einnimmt.

Ich hatte anfangs zwei Szenen geschrieben: den Besuch bei einer Frauenärztin, wo man mir mitteilt, mir bliebe nur wenig Zeit, um ein Kind zu bekommen; und eine Szene, in der ich einem Unbekannten ein Theaterstück nacherzähle, auf das ich mich vorbereite. Diese beiden Szenen habe ich eines Tages kombiniert, einfach um zu sehen, was passiert. Das war wie ein Schock. Plötzlich offenbarte sich das private, intime Leben Marcellines sehr präzise. Auch die anderen Elemente des Films begannen sich herauszukristallisieren und einzufügen. Die Figur der Nathalie, der Regieassistentin, musste zum Beispiel auf jeden Fall eine verheiratete Frau mit Kindern sein … Die Geschichte ist so wie durch ein Spielen mit Spiegelungen entstanden, das Schreiben war ein sehr organischer Prozess. Am schwierigsten war die Aufgabe, das Geflecht aus Echos und Bezügen zwischen dem Stück von Turgenjew und dem zu entwickeln, was sich darum herum abspielt.

Warum Turgenjew?

Das war sehr logisch, weil ich das Stück wirklich gespielt habe und mich diese schmerzhafte Episode meiner Laufbahn mit ihm verbindet. Eine Zeit lang haben wir überlegt, ein anderes, eindeutig komisches Stück zu nehmen. Aber dann hat sich »Ein Monat auf dem Lande« als perfekte Wahl herausgestellt, in vielerlei Hinsicht. Zum einen konnte ich mich durch die Arbeit an diesem Film mit diesem Klassiker des russischen Theaters und seiner wunderbaren Hauptfigur Natalja Petrowna versöhnen. Das war mir wichtig. Ich hatte damals das Gefühl, sie verpasst zu haben, ich wollte wieder an dieser Figur arbeiten, sie von neuem lieben. Ein zweiter Grund ist, dass Turgenjews Art zu schreiben dem Film in den Theaterszenen eine wunderbare Musikalität hinzufügt. Schließlich gab es einen weiteren Grund, der mit dem Stück zusammenhängt, und zwar die wunderschöne Idee von Noémie Lvovsky, eine Idee wie von Pirandello, die das Drehbuch komplett durcheinander gewirbelt hat, nämlich dass Natalja Petrowna Marcelline leibhaftig erscheinen würde.

Die tragikomische Musikalität der Stücke von Turgenjew, von Tschechow, des russischen Repertoires ist das, was ich im Theater am liebsten erlebe und spiele – und allgemein auch die Sichtweise aufs Leben, die mir am besten gefällt. Die Szenen aus „Ein Monat auf dem Lande“ in meinem Film haben es mir auch erlaubt, eine gewisse Sentimentalität zu entwickeln.

Wie sind Sie an die Dialoge gegangen, mit Turgenjews Stück vor Augen?

Die Dialoge sind essentiell, das ist mein Hintergrund als Theaterschauspielerin. Wenn ich mir einen Film vorstelle, gehe ich vom Text aus, vom Wort, von psychologischen und emotionalen Situationen zwischen Menschen. Der Text ist die Basis, auch wenn ich genau weiß, dass die Dialoge dann am Ende nicht das Entscheidende sind. Das Wichtigste sind die Gefühle, das, was sich zwischen den Menschen abspielt. Und noch wichtiger sind die Menschen selber. Ich filme Menschen. Am Ende des Tages ist ein Film für mich nur der Vorwand, um Menschen zu filmen. Hinter den Figuren versuche ich, Menschen zu sehen, Momente menschlichen Lebens, lebendiger Menschen einzufangen.

Spielt der Narzissmus dabei eine Rolle?

Das ist mir nicht bewusst. Beim Schreiben des Buchs mit Noémie haben wir alle möglichen Fährten verfolgt, und es gab für uns beide ein starkes Bedürfnis, dass es im Unterschied zu meinem ersten Film nicht nur eine Hauptfigur geben sollte. »Actrices« sollte nicht nur die Geschichte von Marcelline, sondern auch die mehrerer anderer Protagonisten sein, vor allem von Nathalie. Als wir dann gedreht haben, habe ich versucht, mich nicht dafür zu schämen, mich selbst in Close Ups zu filmen. Im Schnitt war dann die Frage wieder wichtig, welche Einstellungen man verwendet, um den jeweiligen Protagonisten gerecht zu werden.

Wie würden Sie den besonderen Humor von »Actrices« beschreiben?

Der Humor in »Actrices« ist immer etwas tragikomisch. Als würde man auf einer Beerdigung plötzlich einen Lachkrampf bekommen – man schämt sich dafür, und doch ist es befreiend. Ich weiß nicht, wie ich die Gründe für diese Art des Lachens erklären kann. Vielleicht ist da etwas in uns, das rebelliert, das unpassend sein möchte. Man muss lachen, damit das Leben nicht zu beängstigend ist, damit der Ernst, der Schmerz und der Tod nicht so übermächtig werden, dass sie die Freude, das Glück oder die Liebe erdrücken. Das ist ein Lachen, um zu überleben.

Das verbotene Lachen ist auch so etwas wie eine Basis für meinen Beruf als Schauspielerin geworden. Das erste Mal, als ich auf der Bühne so einen Lachkrampf bekam, habe ich ihn instinktiv in den Text integriert. Ich durfte auf keinen Fall aufhören zu spielen, es war nicht ich, sondern meine Figur, die diesen Lachanfall hatte. Das wurde zu einer Basis meiner Freude als Schauspielerin. Das ist mir sogar vor laufender Kamera in Patrice Chéreaus »Hôtel de France« passiert, ein unvorhergesehener Lachkrampf, der später auch nicht herausgeschnitten wurde. Dieser Ausbruch hat eine Wahrheit provoziert. Einen Lachanfall zu haben, ist für mich eine Möglichkeit geworden, in einen Film zu kommen, das ist immer ein gutes Zeichen.

Warum haben Sie ihre Figur Marcelline genannt?

Am Anfang hieß sie Valentine, aber das fand ich zu ernsthaft. Sich selbst zu ernst zu nehmen, war eine der Klippen, an der meine Figur hätte scheitern können. Und um mich daran zu erinnern, dass in ihrer ganzen Haltung immer auch eine Form von Spott sein müsse, dass diese Figur im Grunde ein kleiner Clown ist, habe ich sie Marcelline genannt, eine Anspielung auf Marcello Mastroianni, ein Schauspieler, der für mich ein Synonym für Selbstironie ist.

Was war Ihnen bei der Darstellung der verschiedenen Protagonisten wichtig?

Marcelline sollte nicht zu modisch sein, aber trotzdem eine echte Weiblichkeit ausstrahlen, eine Eleganz, die sich als irgendwie vergeblich herausstellt, weil sie Single ist. Es war wichtig, dass sie auf eine nutzlose Art feminin ist. Bei den anderen Figuren wollten wir, dass sie schön sind. Eric, der junge Theaterheld, den Louis Garrel dargestellt, trägt dunkle Farbtöne, was ihn auf besondere Weise verführerisch macht. Zunächst könnte man bei seiner Kleidung denken, dass sich da jemand selbst eine Rolle vorspielt – den etwas düsteren, aufgewühlten, leidenschaftlichen Schauspieler – und sich in dieser Rolle gefällt. Aber es stellt sich heraus, dass er im Gegenteil sehr viel tiefer, zärtlicher und einsamer ist, als man seiner affektierten Kleidung wegen annehmen würde.

Der junge Schauspieler verliebt sich in die Schauspielerin. Das erscheint wie ein Klischee. Sie glaubt es nicht. Seine Sehnsucht wird nicht ernst genommen. Das ist demütigend und schmerzhaft für ihn. Der Schauspieler, die Rolle hindert den Mann zu leben. In dieser Figur liegt eine große Einsamkeit, ein verborgener Schmerz, und ebenso eine kindliche und magische Phantasie. Das war so überhaupt nicht im Drehbuch. Es war Louis Garrel, der das eingebracht hat. Auch Mathieu Amalric hat auf ähnliche Weise seine Figur sehr bereichert – diesen Theaterregisseur, der sehr leidenschaftlich und gleichzeitig manchmal etwas idiotisch ist. Diese Mischung auf den Punkt zu bringen war heikel. Er steht allein vor den Schauspielern. Er ist ungeschickt, stur, narzisstisch. Ein Regisseur muss aber von seinen Schauspielern auch geliebt werden. Aber dieser Regisseur fühlt sich nicht geliebt. Er bewegt sich in seiner eigenen Inszenierung wie ein Blinder. Er kommt sich dumm vor. Er träumt davon, ein großer Regisseur zu sein. Er weiß, dass er es nicht ist, aber er tut so. Die Figur war auf dem Papier etwas undankbar, aber Mathieu hat einen so intelligenten Blick, dass dieser Regisseur, was immer er auch sagt, intelligent bleibt. Wir wissen nicht, ob seine Figur ein wenig grotesk oder wirklich tief ist, wir pendeln zwischen diesen beiden Möglichkeiten, und dadurch wird er komisch und komplex. Und menschlich.

Wie war die Zusammenarbeit mit Noémie Lvovsky ?

Für mich war die Entscheidung für Noémie ganz natürlich. Sie spielt eine Figur, die sie mit mir zusammen entworfen und geschrieben hat. Obwohl wir Probeaufnahmen mit anderen Schauspielerinnen gemacht haben, kamen wir immer wieder auf unsere erste Wahl zurück: Noémie war Nathalie. Das Spielen mit ihr, von Angesicht zu Angesicht, war eine große Freude für mich, weil ihre Stärke und Wahrheit mich dazu gezwungen haben, meine eigene Kraft und Wahrheit zu suchen.

Auch für das Theater bin ich zur ursprünglichen Wahl zurückgekehrt, zum Theatre des Amandiers in Nanterre, wo ich mein Debüt hatte. Aber wir sind erst nach vielen Umwegen dort angelangt. Zuerst suchten wir nach Theatern italienischen Stils, aber das fand ich schnell langweilig. Dann haben wir uns moderne Theater angeschaut, in den Vorstädten, die theoretisch interessanter, aber praktisch sehr hässlich waren. Aber es erschien uns dennoch interessant, dass Marcelline in die Banlieue geht, um zu spielen. Richtig, realistisch und unerwartet. Das hat es uns auch erlaubt, ein veritables Spiel mit den Ortswechseln zu entwickeln, den Bussen, Metros, Taxis, den Strecken, die unsere Figuren zurücklegen. Dadurch ließen sich die Richtungen von Marcelline verändern.

Diese Möglichkeiten haben Sie im Theatre des Amandiers gefunden?

Und noch mehr. Dort zu drehen war wie eine Heimkehr für mich. Ich habe an diesem Ort praktisch zwei Jahre lang gelebt. Er war die physische, räumliche Basis meiner Theaterausbildung. Diese Zeit, als ich in den Inszenierungen von Patrice Chéreau und Pierre Romans spielte, war fundamental für mein berufliches Leben, mein Liebesleben und natürlich auch für Freundschaften. Als ich für den Film wiederkam, war ich von der Schönheit dieses Theaters sehr beeindruckt, von seinen Farben, die mir sehr kinematographisch vorkamen. Außerdem hat mir der Film erlaubt, mit einigen ehemaligen Kollegen aus Nanterre wieder zusammen zu arbeiten, mit Laurent Grévill, Bernard Nissille, Olivier Rabourdin und Franck Demules. Es war für den Film sehr wichtig, diese Kollegen mit den Neuen wie Louis, Lætitia, Mathieu und Noémie zusammen zu bringen.

Sie haben sich mit Valeria Golino für eine italienische Schauspielerin in der Rolle der sehr russischen Natalja Petrowna entschieden ...

Ich kenne Valeria gut, sie ist eine Freundin. Sie ist schön, sehr weiblich. Für mich ist sie eine »echte Frau«, keine perfekt traditionelle Natalja Petrowna und sogar ein bisschen gegen den Strich besetzt. Valeria ist leicht, mediterran, sie entfernt sich von der Schwere der »slawischen Seele«, und diese überraschende Natalja Petrowna erstaunt Marcelline.

Sie haben auch Ihre eigene Mutter wieder besetzt, wie schon in Ihrem ersten Film.

Als ich das erste Mal mit meiner Mutter gedreht habe, war das wie eine Art Mysterium. Es lief alles hervorragend, sie hatte wirklich Talent und war einfach zu inszenieren. Bei diesem zweiten Film war das nichts Unbekanntes mehr, ich kannte ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren, die Intelligenz ihres Spiels, ihre Schönheit vor der Kamera, ihren Einfallsreichtum. Aber es ist ihr trotzdem wieder gelungen, mich zu verblüffen.

Ihre Figur bewahrt sich sehr viel »Italienisches«, wie z.B. den regelmäßigen Kirchgang...

Ich denke, das ist ein natürlicher Reflex für mich, das liegt in meiner Kultur. In Italien geht man in die Kirche, wenn man ein Problem hat, um dort um Hilfe zu bitten. Aber im Unterschied zu meinem ersten Film betet Marcelline hier nur zur Jungfrau Maria, einfach weil sie ein Symbol für Maternität ist. Und sie ist eine sanfte Mutter, ganz im Gegensatz zu Marcellines eigener Mutter. Aber paradoxerweise befolgt Marcelline den Ratschlag ihrer Mutter, als sie zur Jungfrau betet. Sie ist folgsam, sie hat, wie ihre Mutter es nennt, etwas von einem erwachsenen kleinen Kind behalten. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, das sich widersetzen möchte. Deswegen haben wir in der letzten Phase der Drehbucharbeit die Szene zwischen Marcelline und ihrer Mutter im Bett eingearbeitet. Wir brauchten sowohl eine Zuspitzung zwischen den beiden als auch die Rebellion von Marcelline.

Worauf kam es Ihnen in der Inszenierung an?

Es ging mir vor allem darum, dass die Bewegungen der Kamera das aufgreifen, was sich zwischen den Menschen abspielt. Als zum Beispiel Marcelline aus dem Theater rennt und sich wie ein winziges Insekt auf der Flucht vor dem Licht fühlt, erschien es mir natürlich, das in einer großen Totale zu drehen, mit Marcelline ganz klein in der Mitte des Bildes, um ihrem seelischen und emotionalen Zustand gerecht zu werden. Wenn sich aber zwei Menschen sehr nahe kommen, verliebt ohne es zu wissen, dann scheint mir eine nahe Einstellung von beiden oder ein behutsamer Schwenk vom einen zum anderen richtig zu sein. Wie eine Art Tanz von einer Figur zur anderen.

Was das Licht angeht, hat mich vor allem interessiert, dass »Actrices« ein Winterfilm ist. Das Licht auf den Gesichtern ist viel härter. Das sind Gesichter, die nicht tricksen können, wenn es um ihre Gefühle geht. Was die Sache noch komplexer macht, ist der Umstand, dass ein Theaterstück geprobt wird, das im Sommer spielt. Der Winter ist eine Jahreszeit, in der der Körper sich in sich zusammen zieht. Man friert, man schließt sich ab. Marcelline ist aber an einem Punkt ihres Lebens angelangt, wo sie sich öffnen muss, um weitermachen zu können. Dieser Kontrast erschien mir sehr schmerzhaft für sie zu sein.

Der Titel des Films war ursprünglich »Der Traum aus der Nacht davor«, später haben Sie sich für »Actrices« entschieden …

Der erste Titel gefiel mir, weil er auf den Traum anspielte zu fliehen, woanders hin zu gehen, aus dem Gleis zu springen, ausgetretene Pfade zu verlassen, auf denen man sich mehr oder weniger eingesperrt fühlt. Für Marcelline geht es um diese Flucht, die Flucht vor dem Spiel, ihrem Beruf als Schauspielerin, der Fiktion. Sie sucht nach dem, was in der Wirklichkeit stattfindet, selbst wenn sie riskiert, dabei alles zu verlieren. Ich dachte, das könnte ein geheimnisvoller Titel für diesen Film sein, den ich romantisch, schmerzhaft und komisch haben wollte. Kann Marcelline aus ihrem Leben der Fiktion ausbrechen? Ich habe mich dann für »Actrices« entschieden, weil ich die Einfachheit und die Kraft dieses Wortes liebe, das, was es an Freude und an Schmerz hervorruft, die Wellen, die es in der Imagination auslöst. Es ist ein Wort, das gleichzeitig leuchtend und hart ist, genauso wie dieser Beruf: leuchtend und hart.

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