7 Brüder

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7 Brüder

Ein Film von Sebastian Winkels

Zum Film

Sieben Brüder, geboren in Mülheim an der Ruhr zwischen 1929 und 1945. In der magischen Stille eines dunklen Filmstudios verweben sich ihre Erzählungen zum faszinierenden Familienuniversum, in dem sich deutsche Geschichte auf außergewöhnliche Weise spiegelt. Ein dokumentarisches Ereignis, das die Zuschauer gleichsam zum Teil der Erzählung werden lässt. 7 Brüder ist Erzählkino im besten Sinne: ein Märchen aus der Wirklichkeit, aufrichtig, spannend, unterhaltsam und nachhaltig beglückend.

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Wie wird man zu dem, der man ist? Was ist das, ein Bruder, eine Familie? Wie spannend und komplex muss die Gemeinschaft gewesen sein, die sieben Brüder unter einem Dach geteilt haben? 7 Brüder erzählt von den individuellen Wahrnehmungen des gemeinsam Erlebten, vom Gleichen und Ungleichen, das aus den familiären Wurzeln hervorgegangen ist.

Im Spannungsfeld von Geschichte und Eigensinn, Gemeinsamkeit und Selbstbehauptung zeugen sieben Lebenswege von einer Generation, deren Kindheit zur Stunde Null endete bzw. gerade erst begann. Ihre Biographien entwickeln sich in eigene Richtungen: Kaufmann, Bäcker, Musikprofessor, Schauspieler, Manager, Lehrer. Die enge Verbundenheit der Brüder bleibt, über alle Unterschiede der Lebensentwürfe hinweg.

Gedreht wurde an sieben aufeinander folgenden Tagen – ein Tag für jeden Bruder. Im Filmstudio wurde ein eigener Erzählraum geschaffen, der sich unendlich auszudehnen scheint und eine gemeinsame Situation für Erzähler und Zuschauer schafft. Regisseur Sebastian Winkels gab seinen Protagonisten keine Themen vor und stellte keine Fragen. Allein der freien Erzählung, der unbedrängten Erinnerung der Brüder gilt die Aufmerksamkeit, die sich aus einer Atmosphäre der absoluten Stille entwickelt. Aus den sieben Einzelporträts wird ein Austausch unter Brüdern, in dem sich Gleiches und Ungleiches, Gesagtes und Nicht-Gesagtes zum Bild einer großen, gemeinsamen Erzählung verbindet.

Pressestimmen

"Ein faszinierender Film... Winkels verlässt sich ganz auf die Ausstrahlung seiner Protagonisten, deren sehr unterschiedliche und doch gleichermaßen starke Persönlichkeiten – und das, was sie zu erzählen haben. Brüderlichkeit ist bei den Hufschmidts nie ein leerer Begriff gewesen." (NRZ)

" Trotz der unterschiedlichen Gesten und Haltungen der Brüder ist stets eine außerordentlich große Nähe und Vertrautheit zu spüren: Da scheint der eine den Satz des anderen fortzusetzen, ohne ihn gehört zu haben. In den schillernden Erzählungen der Brüder wird die Rauheit, aber auch die Sicherheit deutlich, die das Leben in der Großfamilie prägte. Gleichermaßen gelassen wie eloquent findet jeder der Brüder seine eigenen Worte, um anschaulich und packend zu erzählen. Vielstimmig wird hier Zeitgeschichte rekapituliert, selbst in Anekdoten durchdringen sich Individuelles und Universales... Ein wunderbarer Film!" (Der Spiegel)

" Eine gehörige Überraschung, mit verschwenderischem Purismus gestaltet... Dass sich die Zeitläufe prägnant in sieben Biografien spiegeln, ist für sich genommen vielleicht noch nicht bemerkenswert. Aber dass diese auf beglückende Weise gleichermaßen einzigartig wie repräsentativ erscheinen – dieses Kunststück kann nur einem großen Einfühlungsvermögen geschuldet sein." (Tip)

" Ein großartiger Film, der nur einen Makel hat: Er ist mit 86 Minuten viel zu kurz!" (Stadtmagazin Hermann)

" Was macht diesen Film so faszinierend? Zunächst die Fähigkeit der Brüder, ihre Geschichte zu erzählen. Man hört jedem gern zu, betrachtet ihre unterschiedliche Gestik und Sprechweise. Sie alle wollen genau sein, nicht über die Erinnerung hinweghuschen. Sie stellen sich der Kamera. Sebastian Winkels Wagnis geht auf. Er gewinnt das Beste, was einem Dokumentarfilm gelingen kann: unser Interesse für die Menschen. Es geht um die Hufschmidts, diese neunköpfige Familie aus Mülheim, es geht um sieben voneinander getrennte Erzählungen. Sieben Monologe, so montiert, dass man meint, allmählich ein Gespräch sich entwickeln zu sehen. Das ist Winkels Leistung. '7 Brüder’ ist sein Abschlussfilm an der Filmhochschule. Oder: ein starkes Stück Anfang." (Berliner Morgenpost)

" Mit Ecken und Kanten, Charisma, Persönlichkeit und Herzensbildung... Ein mehr als ungewöhnlicher Dokumentarfilm, intensiv, verdichtet, spannend. Und vor allem schön!" (Rheinische Post)

" Ein gewichtiger Beitrag zur "Oral History" der alten Bundesrepublik und zum Mythos der "Stunde Null". Gegen die beliebige und zerstreute Bilderflut aus dem Archiv setzt Winkels wohltuend und produktiv auf die Stille und Dunkelheit des eigens für den Film geschaffenen Gesprächsraums. Das Resultat geht weit über eine spannende Rekonstruktion von spezifischer Familiengeschichte hinaus, liefert empirisches Material für Bourdieus Habitus-Theorie und zeigt den Einfluss von Bildung auf die Körpersprache. Man sieht die freigesetzte Kraft der Erinnerung in den Gesichtern (...) Zudem ist dieses soziologische Experiment nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch ein überfälliger, geradezu wohltuender Kontrapunkt zur gegenwärtig grassierenden Nostalgie-Welle, die Geschichte allein nach den Maßgaben von Popkultur und Plotpoint- und Identifikationsdramaturgie umkodiert. Das subtil herausgearbeitete Destillat aus den 56-stündigen Aufzeichnungen verblüfft trotz seiner formalen Strenge durch hohe Unterhaltsamkeit, Witz und den weiten Bogen durch ein Dreiviertel Jahrhundert gelebter Geschichte." (film-dienst)

" Ein brillantes, faszinierendes und lehrreiches Mosaik... Das Einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist seine Länge: 86 Minuten sind zuwenig!" (Stadtrevue Köln)

" Es entbehrt nicht der Ironie, dass Sebastian Winkels ’7 Brüder’ am selben Tag startet wie ‚Das Wunder von Bern’. Auch Winkels erzählt ein ‚Heldenepos’ im wortmannschen Sinne, nur mit diametral entgegengesetzten Mitteln. Statt digital generierter Computereffekte und melodramatisch zugespitzter Geschichtskonstruktion setzt ‚7 Brüder’ auf die Kraft des erinnernden Erzählens. Das Kapital, mit dem Winkels wuchern kann, ist das Talent, mit dem die sieben Brüder Hufschmidt ihr Leben in Worte zu kleiden verstehen. (...) Gemeinsamkeiten werden durch die Montage subtil herausgearbeitet. Trennendes wird nicht kleingeredet oder geschönt, für spontane, dem jeweiligen Temperament gehorchende Abschweifungen wurde genügend Raum zugestanden. Das Ergebnis dieses fesselnden Oral-History-Experiments geht weit über die Rekonstruktion einer Familiengeschichte hinaus." (Stuttgarter Zeitung)

" Schon rein stilistisch weiß 7 Brüder zu überzeugen... es gelingt den sieben Brüdern, den Betrachter mitzureißen, und dazu sind weder Intrigen noch Familienfehden nötig, sondern einfach nur die Lust zum Erzählen und das Talent der Filmemacher, diese erzählerische Energie einzufangen." (Jump Cut)

" Die lebendige Erinnerung bildet Netze, in denen sich Bilder verfangen. Geschichte, spüren wir hier deutlich, beginnt damit, sich Lebensgeschichten zu erzählen. Wie wurde jemand zu dem, der er heute ist – trotz oder wegen der äußeren Umstände? Die Antwort ist immer eine neue Geschichte. Sebastian Winkels will den ungestörten Fluss der Erinnerung, macht keinen Druck mit Fragen von außen. Es gelingt. Die sieben Brüder erzählen ihr Leben. Das Mosaik setzt sich zusammen. (...) Sich gegenseitig so etwas wie Zuflucht zu sein, diese Sicherheit verströmt eine Aura von Stärke, die nichts Auftrumpfendes hat. Vielleicht liegt hierin ja das Geheimnis der Zahl Sieben." (Neues Deutschland)

" Absolut sehenswertes Kino – Applaus!" (BZ)

" Durchweg spannend und verblüffend kurzweilig: Erzählkino in seiner reinsten, feinsten Form... Es ist nicht nur die brillante Schnitttechnik, die das unsichtbare Band zwischen den Brüdern spüren lässt, es ist die Authentizität ohne Rührseligkeit. Gerade das rührt." (Handelsblatt)

Regiestatement

Die Idee, den sieben Hufschmidtbrüdern einen Film zu widmen, beschäftigte Sebastian Winkels schon seit einigen Jahren. Von der Existenz dieser ungewöhnlichen Familie hatte er durch Stephan Froleyks erfahren, einem befreundeten Komponisten, mit dem er das Musik-Filmprojekt Innen-Aussen-Mongolei realisiert hatte. Noch ohne Genaueres über die Brüder zu wissen, war er von ihrer familiären Konstellation fasziniert.

"Mich hat die Beziehung zwischen Brüdern interessiert", erzählt Winkels. "Zwischen Geschwistern besteht ein unbeschreibliches Band. Ähnlichkeiten und Gegensätze entwickeln sich fortlaufend, nicht zuletzt durch eine Art gemeinsamen, familiären Druck. So werden unterschiedliche Biographien geformt, deren gemeinsamer Ursprung aber unverkennbar bleibt. Auch mich selbst haben geschwisterliche Beziehungen geprägt. Es gibt z.B. diese merkwürdige Gleichzeitigkeit großer Nähe und Distanz, die uns begleitet. Auch die familiäre Position – ich bin Zweitjüngster von fünf Geschwistern – ist eine Kondition, die sich im Leben spiegelt. So haben sich viele spannende Aspekte ergeben, auf die ich mich im Film konzentrieren wollte."

Die grundlegende Frage für Sebastian Winkels am Anfang des Projektes hieß: Was ist das überhaupt, Familie? "Darauf mit Worten eine erschöpfende Antwort zu geben, erscheint mir nach wie vor unmöglich. Ich habe nach einem filmischen Ansatz gesucht, um die Verbindungen zwischen Geschwistern spürbar werden zu lassen. Dabei ging es mir um ein gleichberechtigtes Nebeneinander, in dem die individuellen Wahrnehmungen des gemeinsam Erlebten eine eigenständige Erzählung bilden konnten. Der Film sollte ein Kommunikationsfeld zwischen Brüdern entstehen lassen und ihren freien Erzählungen einen geschützten Raum bieten. Aus unserem Erzählraum, den wir im Studio gebaut haben und der einem dunklen Kinosaal durchaus ähnelt, sollte Gleiches und Ungleiches, Gesagtes und Nicht-Gesagtes als kollektives Bild aus dem gemeinsamen Hintergrund hervortreten können."

Daneben interessierte es Sebastian Winkels, einen Film über die Generation seiner Eltern zu machen, auch hinsichtlich der eigenen Sozialisation. "Die Generation, die mich erzogen hat, besser zu verstehen, schärft den Blick auf das eigene Leben. In den gängigen historischen Formaten habe ich bisher wenig von dem gehört, was diese letzte Kriegs- und erste Nachkriegsgeneration zu erzählen hat. Zur Stunde Null war Klaus Hufschmidt 16 Jahre, und Jochen gerade erst geboren. Der starke Zusammenhalt der Hufschmidtbrüdern rührt nicht zuletzt daher, dass sie während des Krieges jahrelang getrennt waren, bevor sie sich 1945 im Elternhaus neu begegneten. Diese Generation hat einen unglaublichen Umbruch erlebt und existenzielle Erfahrungen gemacht: die Kindheit im Schatten des Krieges, die Kinderlandverschickung, den Zusammenbruch des Nazireichs und dessen Aufarbeitung oder Verdrängung in der Familie, die allgegenwärtige Verlogenheit und das Festhalten am Alten, z.B. in den Schulen, schließlich der Aufschwung der Nachkriegsjahre. Eine andere wesentliche Erfahrung dieser Generation, der ‚Gründungsriege’ der alten BRD, ist wohl auch, dass sie so dringend gebraucht wurde – diese Herausforderung hat ihre Lebenswege wesentlich bestimmt und sie vielleicht auch mit ermöglicht. Das siebenfache Erinnern an die persönliche, zum Teil kindliche Sicht birgt für mich Perspektiven einer eigenen Wahrheit, die mir neue Einblicke in diese schon ferne Zeit ermöglicht haben."

Austausch unter Brüdern


Im Herbst 2000 schrieb Sebastian Winkels einen Brief an Dieter Hufschmidt, den mittleren der Brüder und Schauspieler am Staatstheater Hannover, und stellte seine noch vage Idee eines Dokumentarfilms vor. Dem Schreiben legte er eine Kopie seines Kurzfilms Hase & Igel bei. Dieter Hufschmidt war vom Kurzfilm begeistert und stellte die Filmidee seinen Brüdern vor.

Die Produzentin Susann Schimk, mit der Sebastian Winkels schon lange zusammen arbeitete, hatte inzwischen mit dem ZDF Das kleine Fernsehspiel und dessen Redakteur Lucas Schmidt Partner gefunden, die sich auf die 7 Brüder einlassen wollten. Einige Wochen vergingen, in denen Winkels Anfrage innerhalb der Familie Hufschmidt diskutiert und schließlich von allen positiv entschieden wurde. Am Pfingstwochenende 2001 wurde Sebastian Winkels dann zum traditionellen Spargelessen der Großfamilie Hufschmidt eingeladen. "Sofort hat sich bestätigt, was aus meinen rudimentären Vorkenntnissen über die Familie schon zu erahnen war: Alle sieben Brüder sind sehr gute Erzähler, wahre ‘Männer des Wortes’! Ihre besondere Beziehung zu Sprache und Ausdruck scheinen durch den protestantischen Familienhintergrund und ihre sehr verschiedenen Berufsbilder auf eigene Weise geprägt worden zu sein. Das grundsätzliche Vertrauen in unser gemeinsames Filmvorhaben entstand bei mir an diesem Tag."

Über den Film selbst wurde zunächst wenig gesprochen. "Darin lag eine Herausforderung während der gesamten Vorbereitung", erzählt Sebastian Winkels. "Das eigentliche Kennenlernen sollte erst im Studio, während der Filmaufnahmen stattfinden. Jeder der Brüder sollte wissen, dass er dabei an ‘seinem’ Tag all das erzählen konnte, was ihm wichtig erschien oder was ihm im Prozess des Erinnerns spontan einfiel. Wir mussten eine Vertrauensbasis finden, ohne vorher viel miteinander zu reden."

Die Machart des Films zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt immer klarer ab. "Ich habe den Brüdern sehr früh erklärt, dass es auf keinen Fall um Interviews gehen würde, sondern darum, frei zu erzählen. Von mir würde keine einzige Frage in unserem Erzählraum fallen. Auch wenn es mich später während des Drehs manchmal noch so gereizt hat, hier und da nachzuhaken: ich habe es mir verkniffen. Ich habe gespürt, dass ein Film, der mit ‚geantworteten‘ Texten arbeitet, unser Experiment zerstören würde."

Von Anfang an war klar, dass die Brüder einzeln und für sich erzählen sollten und es kein gemeinsames Gespräch am großen Tisch geben würde. "Das Bild der Familie und das Geflecht der Beziehungen sollten sich aus den Einzelporträts ergeben", erzählt Sebastian Winkels. "Gedreht haben wir an sieben aufeinander folgenden Tagen – ein Tag für jeden Bruder. In gewisser Weise ‚treffen‘ sich die Brüder im Film gerade dadurch, dass sie nicht gemeinsam vor der Kamera sind. Im Erzählraum war immer auch die Präsenz der Brüder gegenwärtig, die nicht da waren. Der jeweilige Bruder, der gerade auf dem Stuhl saß, wußte: ich bin nicht wirklich allein in diesem Raum, meine Brüder waren entweder schon da oder werden nach mir sprechen."

Studiokonzept


Schon in den früheren Filmen von Sebastian Winkels spielte der Reiz des Räumlichen eine entscheidende Rolle. "Ich glaube, meine Lust Kino zu machen, besteht darin, etwas für diesen speziellen Raum, den Kinosaal zu schaffen", erzählt Winkels. "Man kann die Leinwand als Fenster sehen, wie bei Innen-Aussen-Mongolei. Oder wie bei Oberstube über die Tonebene versuchen, den Zuschauer in den Film-Raum hineinzuziehen. Bei 7 Brüder wollten wir den Erzählraum in den Kinosaal hinein verlängern. Die Brüder und die Zuschauer sollten sich in einer identischen Situation begegnen können: die Aufmerksamkeit des Publikums, die Stimmung des kollektiven Zuhörens, wird so auf merkwürdige Weise zur Voraussetzung für das Erzählen der Brüder: ihre Präsenz im Saal wirkt real, fast so, ‚als wären sie da‘. Der schwarze Raum erzeugt eine Konzentration in der auch kleine Dinge wahrnehmbar werden, während gleichzeitig die Leinwand zur vierten Wand des Raumes wird. In allen Überlegungen spielte der Ansatz einer gleichwertigen Annäherung an alle Brüder eine Rolle: an diesem Ort, der viel Platz für erzähltes Leben schafft, werden die Geschichten als ein intimes Dokument der Familie Hufschmidt sicher verwahrt."

Über die Gestaltung des Studiobodens wurde lange nachgedacht. Für die Kamerafrau Isabelle Casez war es wichtig, im Bild eine Tiefe ausdrücken zu können, ohne das der Raum seinen abstrakten Charakter verliert: "Wir haben vieles probiert, sind aber immer wieder bei der Ellipse gelandet, weil sie die Idee der Unendlichkeit am besten verkörpert. Wir wollten ein Familienuniversum in einem sonderbaren ‚Weltraum‘ erzählen, wie ein eigenwilliges Planetarium von sieben Inseln, die jedem Bruder als Ausgangsbasis dienen. Die Entscheidung für die Karoflächen fiel, weil sie den Brüdern vom Ältesten bis zum Jüngsten eine klare Position zuweisen und gleichzeitig ein Bewußtsein für die vergangenen und kommenden Generationen der Hufschmidts schaffen, die ebenfalls zum Film dazugehören."

Ein Problem für dieses notwendig aufs Kino ausgerichtete Filmkonzept stellte das begrenzte Budget dar, das eigentlich nur das Drehen in dem wenig geeigneten DigiBeta-Format zuließ. Die Lösung fanden Sebastian Winkels und Isabelle Casez in der HD-Technik: "Die hohe Auflösung von HD ermöglichte uns eine dem 35mm-Film verwandte Qualität. Auf die anderen technische Parameter von HD konnten wir uns gut einstellen. Wir haben im Studio z.B. exakt den Kontrastumfang eingeleuchtet, den der HD-chip verarbeiten kann – in dieser Anwendung war HD für die Kinoleinwand die perfekte Lösung. Wir konnten in langen, ununterbrochenen Einstellungen drehen, ohne häufige Filmwechsel und ohne den Verbrauch des Materials dramatisch einschränken zu müssen."

Dreharbeiten


Die Dreharbeiten fanden im Dezember 2001 statt. Die Drehtage folgten einem eigenen Rhythmus. "Zuerst haben wir uns das Studio angeschaut und ich habe dem Bruder das Team vorgestellt", erzählt Sebastian Winkels. "Kurz darauf gingen wir in die Maske und fingen an, uns zu unterhalten. Ich habe dabei viel von mir erzählt, auch sehr Persönliches. Das haben wir später im Studio fortgesetzt, wir haben uns gegenseitig Geschichten erzählt. Wesentlich im Studio war die Stille, die wir zunächst alle unterschätzt haben. So richtig habe ich das erst am zweiten Tag kapiert: wie vertraut und angenehm eine absolute Stille sein kann; fast so, als würden wir in einem Tresor drehen. Ohne dass ich es betonen musste, hat das Team eine Woche lang praktisch nicht geredet. Jeder hat gemerkt, dass er Teil der Intimität im Studio war. Es ist verblüffend, was in einer solch konzentrierten Stille mit einem passiert. Man kramt Dinge hervor, auf die man nicht vorbereitet ist und auf die man sonst nicht kommen würde. Wenn ich vorher noch unsicher war, ob ich nicht doch mal eine Frage stellen sollte, habe ich beim Drehen gemerkt, dass es so genau richtig war: Es war die Stille, die die Fragen gestellt hat." Der Dreh lief entsprechend ohne die üblichen Reglements und Kommandos ab. "Wir haben jeden Tag mit dem Hinsetzen begonnen. Ich bat den Bruder, am Eingangsbereich des Studios zu warten, bis er uns hinter der Moltonwand überhaupt nicht mehr hören würde. Er konnte dann selbst bestimmen, wann er den Raum betrat, um sich auf den Stuhl zu setzen. Drinnen liefen bereits die Aufnahmegeräte, so dass die Stille zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Tages wurde."

Die Protagonisten konnten die Aufnahmen jederzeit unterbrechen, in den Drehpausen wurden die Kamerapositionen gewechselt. Licht und Aufnahmetechnik wurden möglichst außerhalb des Sets gehalten. "Im Raum gab es keine Lampen, Stative oder anderes, was den Blick ablenkte. Das zehnköpfige Team war dunkel gekleidet, alle liefen auf Socken und hatten einen festen Platz eingenommen. Diese echte Aufmerksamkeit, mit der das ganze Team den Brüdern zuhörte, hat jede Künstlichkeit aus der Situation verbannt. Alle, vor allem auch die Brüder, haben sich sehr wohl gefühlt."
Pro Tag wurden mit jeweils zwei Kameras vier verschiedene Set-ups gedreht, so dass von allen Brüdern acht verschiedene Einstellungen in verschiedenen Größen entstanden. "Es ist erstaunlich wie unterschiedlich dieselbe Person im Profil aussehen kann. Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Brüdern können durch minimale Veränderungen der Perspektive sichtbar werden. Die unterschiedlichen Blickwinkel geben nicht vor, dem Lauf der Erzählungen zu folgen", erzählt Winkels, "sie sollten helfen, die Gesprächssituation und vor allem die Blickrichtungen zu variieren. Wir wollten, dass sich die Blicke der Brüder in der Montage kreuzen, um die Kommunikation untereinander auch visuell stimmig zu gestalten. Jedem Bruder sollte es leichtfallen, den Blick auch in den dunklen Raum gleiten zu lassen. Ich selbst saß außerhab des Bildes als Blickpartner möglichst nah zwischen den Kameras und den Brüdern."

Die Atmosphäre der Stille wurde vom Tonmann Frank Kruse sehr geschätzt, stellte aber hohe Anforderungen an sein Können. Um auf übliche Atmo und Raumtöne verzichten zu können, was die unendliche Wirkung der Szenografie unterstreichen würde, sollte die Sprache sehr präzise aufgenommen werden. Im Kino hört man nur eine Mono-Tonspur, also musste das Mikro den Kopfbewegungen der Protagonisten exakt folgen, da später nichts kaschiert werden konnte.

Montage


In einer Woche entstanden 56 Stunden Filmmaterial. Das stellte eine gewaltige Herausforderung in der Montage dar, die sich auf einen Zeitraum von sechs Monaten erstreckte. "Zunächst haben Valérie Smith und ich versucht, einen thematischen Fahrplan zu bauen, um dann entsprechende Stellen herauszusuchen", erzählt Sebastian Winkels. "Wir haben dann schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert. Unsere theoretischen Überlegungen waren wertlos, weil im Aufeinanderprallen der Brüder eigene Gesetze zu herrschen schienen. Dieses wunderschöne Material ließ sich schneiden wie Beton! In den Griff bekommen haben wir es erst, als wir tatsächlich alles auswendig konnten. Zwischen den Zeilen aller Brüdergeschichten lag das Bild der Familie Hufschmidt lange im Verborgenen. Wie ein Bruder gesprochen hatte, war manchmal entscheidender als das, was er wörtlich sagte. Wir mußten lernen, uns von den eigenen Assoziationen überraschen zu lassen und sie ernst zu nehmen. Schnell hat sich bei uns im Schneideraum der Begriff der ‚Subtexthölle‘ eingebürgert, der wir schließlich unsere ganze Aufmerksamkeit widmeten. Manchmal haben wir einzelne Geschichten fünzigmal überhört, bis wir merkten, wie wesentlich sie für unsere Erzählung waren. Ihre Stelle im Film, hatten wir sie einmal gefunden, blieb dann meist unumstößlich bis zur Premiere erhalten. Am Ende haben wir festgestellt, dass der so entstandene Bogen wiederum eine klassische Dramaturgie aufweist."

Im September 2002 erlebte der Film seine Rohschnittpremiere – im Elternhaus der Hufschmidtbrüder. "Das war der aufregendste Moment in der gesamten Produktion. Natürlich hatten wir den Brüdern ein Vetorecht garantiert, gleichzeitig wusste ich, dass es sehr schwierig werden würde, den Film, wenn auch in Details, noch zu ändern", erzählt Sebastian Winkels. "Isabelle Casez und ich fuhren nach Mülheim in die Memelstrasse 7. Die Brüder hatten lange auf den Film gewartet und fragten sich, was bei unserem gemeinsamen Experiment herausgekommen war. In einer solchen Situation machen sich natürlich alle Sorgen: welches Bild entsteht da von mir und den anderen, was haben wir da eigentlich erzählt? Alle Brüder waren zusammen mit ihren Frauen versammelt. Nach dem nötigen Aperitif wurde das Wohnzimmer verdunkelt. Die Stimmung war wirklich sehr nervös, bevor ich die Kassette einlegte. Aber schon nach den ersten Filmminuten war klar: alle Hufschmidts haben den Film mit Spannung genossen und waren begeistert."

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