BAL - HONIG

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BAL - HONIG

Ein Film von Semih Kaplanoğlu

»Ein Film, der träumen lässt, der das eigene Sehen, Empfinden zum Schwingen bringt, in einer so weiten wie stillen Welt. Es fühlt sich an wie Wind, wie Sauerstoff, nach allzu langer Konservenluft. Oder wie Sonne, die durch den Wald aus wunderbar turmhohen Bäumen fällt. Eine unvergessliche Erfahrung!« Tagesspiegel

»Schön wie ein mediterranes Gedicht aus einer vergessenen Zeit.« Libération

Zum Film

Yusuf lebt mit seinen Eltern in den waldreichen Bergen der Schwarzmeerregion, hoch oben im Nordosten der Türkei. Oft begleitet er seinen Vater, den Imker Yakup, bei dessen Streifzügen durch die tiefen, unberührten Wälder. Hoch oben in den Bäumen werden die Bienenstöcke angebracht, um den berühmten schwarzen Honig der Rize-Region zu ernten. Aufmerksam lernt Yusuf an der Seite seines Vaters die Geheimnisse der Natur kennen, flüsternd findet er hier zu einer Sprache, die ihm in der Schule immer wieder fehlen will.

Als ein unerklärliches Bienensterben die Gegend heimsucht, zieht Yakup los, um seine Bienenstöcke in einer schwer zugänglichen, gefährlichen Gebirgsregion aufzubauen. Nach Tagen ist er immer noch nicht zurück.

Semih Kaplanoğlu entführt in eine Welt voller poetischer Schönheit, die beinah schon märchenhaft anmutet und etwas Magisches vollbringt: Sie streichelt das Sehen, aktiviert alle Sinne und lässt die satte Landschaft der anatolischen Berglandschaft körperlich spürbar werden – ganz ohne 3D-Effekte.

BAL - HONIG

Mit: Bora Altaş, Erdal Beşikçioğlu, Tülin Özen
Regie: Semih Kaplanoğlu
Buch: Semih Kaplanoğlu, Orçun Köksal
Kamera: Barış Özbiçer
Schnitt: Ayhan Ergürsel, Semih Kaplanoğlu, S. Hande Güneri
Ton: Matthias Haeb
Sounddesign / Mischung: Tobias Fleig BVFT VDT
Herstellungsleitung: Aksel Kamber
Associate producer: Alexander Bohr
Koproduzenten: Johannes Rexin, Bettina Brokemper
Produzent: Semih Kaplanoğlu

Eine Produktion von Kaplan Film und Heimatfilm in Koproduktion mit ZDF/Arte, gefördert von Filmstiftung NRW und Eurimages

Türkei / Deutschland 2010
103 min. 35 mm, 1:1,95, Dolby Digital

Pressestimmen

„Ein vorwitziges, nachdenkliches, aufmerksames, ein Gesicht mit braunen Knopfaugen und einer Stupsnase: Es ist das Gesicht des achtjährigen Bora Altaş, der die Hauptrolle in Semih Kaplanoğlus Bal – Honig spielt. Und es wird in Erinnerung bleiben: sein skeptischer Blick, das zarte Lächeln, das Leuchten der Begeisterung, das kurz aufglimmt und dann wieder verlischt. Auf Anhieb hat dieses scheue, stille Kind alle Herzen gewonnen (...)
Ein Film, der träumen lässt, der das eigene Sehen, Empfinden zum Schwingen bringt, in einer so weiten wie stillen Welt. Es fühlt sich an wie Wind, wie Sauerstoff, nach allzu langer Konservenluft. Oder wie Sonne, die durch den Wald aus wunderbar turmhohen Bäumen fällt. Dass das Summen von Bienen, das Flattern von Vogelflügeln, das Knacken von Ästen im Wald so aufregend sein kann – das ist eine unvergessliche Erfahrung.“ Tagesspiegel

„Schön wie ein mediterranes Gedicht aus einer vergessenen Zeit … Bora Altaş verkörpert den kleinen Yusuf so, dass man ihn auf der Stelle adoptieren möchte.“ Libération

„Was Schönheit ist, das kann man in Bal – Honig erfahren. Die Tönungen der Bilder, ihr Kontrastreichtum, ihre Tiefenschärfe, ihre an Stillleben erinnernde, vollendete Komposition sind das eine. Das andere ist die unendliche Ruhe, mit der die Bilder auf der Leinwand verbleiben – ihre Dauer entlässt den Zuschauer aus der subjektiven Perspektive der Personen, sie bannt ihn in Distanz. Die Bilder der Natur stehen zu Yusufs Seelenleben weder in einem altbacken symbolistischen noch in einem expressiven Verhältnis: Hügel, Wald, Tal und Fluss sind Yusuf ein schweigendes Gegenüber, eine Wesenheit, die jede Bewertung souverän ablehnt. Ihre letzte Berechtigung hat die dokumentarische, distanzierende Schönheit von Bal – Honig darin, dass sie nichts verklärt. (...)
Aber so viel man auch erklären und theoretisieren will: Am Ende besiegelt die Schönheit das Geheimnis einer kindlichen Seele. Dieses Geheimnis macht Bal – Honig zu einem großen Film.“ Berliner Zeitung

„Manchmal genügt die erste Einstellung eines Films, um zu erkennen, ob man es mit einem großen Filmemacher zu tun hat. In Bal – Honig ist alles bewundernswert. Es ist lange her, dass man einen Film gesehen hat, der die Sinne so sehr in Anspruch nimmt. Die Tonspur ist unglaublich reich. Wenn ein Ast knackt, hat man das Gefühl, wirklich im Wald zu sein. Das Summen einer Biene befreit das Ohr von den Ablagerungen der letzten zehn Blockbustern. Die Bilder stehen dem in nichts nach. Und zu allem Überfluss: Was ist die Geschichte dieses kleinen Jungen bewegend!“ L’Humanité

Regiestatement

ANMERKUNGEN VON SEMIH KAPLANOĞLU

YUSUF
Bal – Honig ist der dritte Film meiner Yusuf-Trilogie. Die Idee dazu entstand beim Überarbeiten eines Drehbuchs, das ich vor langer Zeit geschrieben hatte und das die Geschichte Yusufs als junger Mann erzählt, wie sie in Süt vorkommt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sein Leben als erwachsener Mann sein würde und wie seine Kindheit hätte aussehen können. Daraus entwickelte sich die Idee der Trilogie. Ich fing dann mit Yumurta an, weil ich langsam zur Figur des Yusuf, zu ihrem Kern vordringen wollte. Man kann die Trilogie als einen langen Flashback ansehen. Allerdings sind die einzelnen Filme keine historischen Rückblenden. Alle spielen in der Gegenwart, an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Konstellationen und ökonomischen Umständen der Türkei. Man hat mich gefragt, ob die drei Yusuf-Figuren ein und diesselbe Person sind. Ich ziehe es vor, nicht zu antworten, um die Geheimnisse der Figur, die direkten und indirekten Bezüge zwischen den Filmen, ihr Rätsel nicht aufzulösen.

EIGENE ERFAHRUNGEN
Als ich die Figur des Yusuf entwickelte, habe ich auch auf Erfahrungen aus meiner eigenen Vergangenheit zurückgegriffen. Man könnte sagen, das in Yusuf Teile von mir stecken. Ich bezog mich auf meine eigene Jugend und Kindheit, als ich die drei Bücher schrieb – und ich glaube, das hat mir geholfen, mit den Ereignissen und Herausforderungen in Yusufs Leben umzugehen. Auch für Bal - Honig diente meine eigene Kindheit als Bezugspunkt. Meine Probleme und Nöte in der Schule, als ich lesen und schreiben lernte; meine Fragen, die von den Erwachsenen unbeantwortet blieben; das Erleben der Natur in ihrer Grausamkeit und ihrem Reichtum. In einer bestimmten Weise formt ein Kind seine Persönlichkeit, während er die Welt mit Neugier erkundet. Ein zufälliges Missverständnis, das zu naiven Fehlern, Träumen, Freuden und Nöten führt, hilft ihm, die Wahrheit zu entdecken. Ich hoffe, Bal - Honig erlaubt es uns, Yusufs Wahrheit zu entdecken.

KEIN GEWÖHNLICHER ORT
Für Yusuf und seinen Vater Yakup stellt der Wald einen märchenhaften Ort dar, der viele Geheimnisse birgt. Der Wald ist ein magisches Reich, in dem sie verschwinden und aus dem sie wieder auftauchen. Es ist kein gewöhnlicher Ort, zu dem sie gehen und der die Grundlage ihres Lebensunterhalts ist. Er stellt eine andere Welt dar, mit riesigen, alten Bäumen, mit geheimnisvollen Geschöpfen wie dem Esel und dem Falken, die sie in den Wald begleiten. Es war nicht leicht einen Ort zu finden, an dem es diese hohen, mächtigen, stämmigen Bäume gibt, und der sowohl für das Aufstellen von Bienenkörben wie auch für die visuelle Welt geeignet war, die ich in Bal schaffen wollte. Wir haben in verschiedenen Wäldern gearbeitet, vor allem in solchen, in denen seit Jahrhunderten Bienenkörbe aufgestellt werden. Sie waren 30 bis 40 Kilometer voneinander entfernt, auf verschiedenen Höhen, mit einem ungeheuren Reichtum an Baumarten.

YAKUP DER IMKER
Yakup, Yusufs Vater, ist ein Imker, der den für die Region besonderen schwarzen Honig erntet, eine der erlesensten Honigsorten der Welt. Dieser therapeutische Honig ist die Essenz einer alten Welt, unberührter Natur und heiligsten Wissen für die Bewohner der Region. Er wird von einer immer weiter schwindenden Zahl von Imkern produziert; Yakups Handwerk wird bald ausgestorben sein. Zu dieser harten Arbeit gehört auch das Aufhängen der speziell gefertigten Bienenstöcke in den schwindelerregend hohen Baumkronen in den Gebirgswäldern. Der Beruf ist ebenso anstrengend wie gefährlich. Yusufs Bewunderung für seinen Vater hat sicherlich viel mit dieser ungewöhnlichen Arbeit zu tun – und in meiner Sicht der Dinge hat diese Arbeit viel gemeinsam mit Yusufs späterem Dasein als Dichter.

SCHWARZMEERKÜSTE
Wir haben Bal – Honig in der Gegend der kleinen Stadt Çamlihemşin gedreht, in der Provinz Rize an der Schwarmeerküste im Nordosten der Türkei. Der Grund, in diese Region zu gehen, liegt in ihrer Natur; nur hier habe ich die Wälder gefunden, nach denen ich gesucht hatte. Die geografischen Gegebenheiten dort haben uns allerdings beim Drehen sehr zu schaffen gemacht, vor allem bei den Waldszenen. Mit den Fahrzeugen konnten wir nur bis zu einem bestimmten Punkt kommen, dann mussten wir aussteigen und zu Fuß mit dem gesamten Equipment bis zum Drehort marschieren, der ziemlich weit entfernt lag. Drehen mussten wir dann an einem ziemlich steilen Ort, wo man kaum stehen konnte. Zudem ist das Wetter an der Schwarzmeerküste sehr unvorhersehbar. Oft erlebt man Regen, Sonne und Nebel innerhalb von einer Stunde, was uns etliche Schwierigkeiten bei den Anschlüssen innerhalb der Szenen bereitet hat. Gerade sehe ich meine Aufzeichnungen durch und stelle fest, dass es an 39 von 48 Tagen geregnet hat.

DIE FRÜHZEIT DER MENSCHHEIT
Wenn wir die moderne Zeit als das Erwachsenenalter der Menschheit begreifen, dann kann man sagen, dass die Orte, an denen wir Bal – Honig gedreht haben, noch die Kindheit der Menschheit erleben. Wir arbeiteten in Bergdörfern, die bald ganz verlassen sein werden von den Menschen, die bis heute noch versuchen, nach alten Traditionen zu arbeiten, unter Bedingungen und Regeln, die von der Natur bestimmt werden. In diesen Gegenden wurden wir Zeugen der Zerstörung der natürlichen Wasserressourcen durch den Bau von Kraftwerken. Das ist ein Problem, das so schnell wie möglich angesprochen werden muss.

DIE SUCHE NACH YUSUF
Über Monate haben wir den Darsteller des Yusuf überall in der Region gesucht. Wir gingen in alle Grundschulen und sprachen mit den Erstklässlern. Keiner von den mehreren Hundert Jungen war der Richtige. Nach zwei Monaten beschloss ich, die Region zu wechseln. Wir gingen in einen kleinen Ort 100 Kilometer weiter und begannen mit der Arbeit von vorn. Wegen Arbeitslosigkeit und Landflucht lebten nur noch wenige, meist alte Einwohner dort. Die wenigen Kinder kamen ebenfalls nicht in Frage. Eines Tages kam ich von einem Treffen mit einem location scout und sah Bora Altas auf dem Fahrrad vorbeifahren. Ich sprang aus dem Auto und stellte mich vor. Sofort war mir klar, dass er der Yusuf war, nach dem ich gesucht hatte; ein sensibles, kluges Kind mit seiner eigenen Welt.

BORA UND YUSUF
Während der Dreharbeiten von Bal – Honig war Bora sieben Jahre alt. Er hat einen ganz anderen Charakter als der Yusuf, dessen Geschichte ich geschrieben hatte, er ist sehr kontaktfreudig. Er musste also tatsächlich spielen. Es war schwer, ihn zu Yusuf werden zu lassen. Wir arbeiteten hart, mit großer Geduld. Ich erklärte ihm den Yusuf in Bal – Honig Szene für Szene, so gut es mir möglich war. Wir entwickelten eine starke Bindung, die auf Vertrauen beruhte. Ich kann sagen, dass ich letztlich so mit ihm gearbeitet habe, wie ich es mit erwachsenen Schauspielern tue. Bora war mutig genug, sich darauf einzulassen; und ich habe das Vertrauen und die Erwartungen, die ich in ihn hatte, niemals überzogen. Ich habe selbst viel gelernt bei dem Versuch, bei einem so kleinen Kind die Konzentration auf seine Rolle herzustellen. Da ich selbst keine Kinder habe, fehlte mir die Erfahrung. Der Enthusiamus und das Engagement Boras und der anderen Kinder wird mir immer unvergesslich bleiben. Und ich möchte die große Hilfe betonen, die ich von der Schauspielerin Tülin Özen und dem Schauspielcoach Kutay Sandikci in der Arbeit mit den Kindern bekommen habe.

SPIRITUELLER REALISMUS
Ich habe während der Arbeit an den drei Filmen der Yusuf-Trilogie in den vergangenen Jahren viel gelernt und erfahren. Es war ein Prozess, der mir dabei geholfen hat, meine Vorstellungen vom Filmemachen weiter zu entwickeln, einen Stil, den ich versuchsweise „Spiritueller Realismus“ nenne. Ich habe in diesen letzten Jahren nicht nur cinematografische Elemente wie Bildgestaltung, Schauspiel, Ton, Ort und Zeit hinterfragt, sondern auch technische Aspekte, die Crew, die Finanzierung und die Art, wie ich sie auf die Beine stelle und einsetze; ich habe vieles dabei gelernt. Einen Film zu machen bedeutet, sich durch den Spiegel dieses Films selbst zu entdecken, sogar sich zu definieren – das gilt nicht allein für den Regisseur, sondern für jeden im Team. Meine Mutter zum Beispiel stellte beim Haus in Yumurta große Ähnlichkeiten zu unserem Haus fest, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Sie fing an zu erzählen, Details, über die wir nie gesprochen hatten, Familiengeschichten, die ich nicht kannte – einige davon habe ich später in Süt – Milch und Bal – Honig verwendet.

Downloads

Bal_Presseheft_Online.pdf

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