DOLPO TULKU - Heimkehr in den Himalaya

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DOLPO TULKU - Heimkehr in den Himalaya

Ein Film von Martin Hoffmann

Zum Film

Das tibetischsprachige Dolpo im Nordwesten Nepals gehört zu den abgeschiedensten Gegenden der Welt. Eingeschlossen von den gewaltigen Gebirgsketten des Himalaya, weitgehend ohne Elektrizität und moderne Kommunikationsmittel, ohne chinesischen oder indischen Assimilationsdruck und fernab der nepalesischen Staatsgewalt hat sich dort eine uralte buddhistische Kultur erhalten.

Mit 10 Jahren wird der Hirtenjunge Sherap Sangpo als Reinkarnation eines hochstehenden Lama, des Dolpo Tulku, erkannt und zur Ausbildung ins Namdroling Kloster nach Südindien geschickt. 16 Jahre später kehrt er mit 30 dolpo-stämmigen Mönchen und Nonnen in die Berge Nepals zurück, um sein Amt als geistliches Oberhaupt der tief religiösen Menschen des Dolpo anzutreten.

Bei seiner Ankunft ist Tulku überwältigt von der Freude und dem Vertrauen, mit dem ihn die Menschen des Dolpo empfangen. Das Amt als Reinkarnation seines im Dolpo sehr verehrten Vorgängers bedeutet eine riesige Verantwortung, der er sich – ein junger Mann von 26 Jahren – erst gewachsen zeigen muss. Mit großem Respekt für die Menschen und durchaus nicht frei von Selbstzweifeln sucht er nach Wegen, die in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Er hat sich viel vorgenommen: die Klostergemeinschaften stärken, eine Schule für buddhistische Lehre aller Richtungen aufbauen, vor allem aber die dringend notwendige Modernisierung der Region beginnen. Es gibt keine Schulen mit tibetischsprachigem Unterricht, kaum medizinische Versorgung, keine Elektrizität, keine befahrbare Straße.

In beeindruckenden Bildern der Bergwelt des Himalaya, in ruhigen, dichten Beobachtungen erzählt der Film von der faszinierenden, archaischen Kultur und den Menschen des Dolpo und der handfesten Aufgabe, der bitteren Armut entgegenzuwirken: Es geht darum, auf der spirituellen Grundlage eines tief verwurzelten, ursprünglichen Buddhismus von Gemeinschaftlichkeit und Altruismus eine Modernisierung zu wagen. Dieser Aufgabe stellt sich der junge Dolpo Tulku mit großer Hingabe, Bescheidenheit, überraschendem Humor und einer tief empfundenen Liebe.

DOLPO TULKU - Heimkehr in den Himalaya

Mit Sherap Sangpo Dolpo Tulku Rinpoche
Regie: Martin Hoffmann
Kamera: Thomas Henkel
Montage: Axel Ludewig, John Toft
Ton: Enno Grabenhorst
Buch: Daniela Hartmann, Martin Hoffmann
Herstellungsleitung: Karola Klatt
Musik: Hans Christian Oelert
Eine Produktion der mc media production Film und Fernsehproduktions GmbH, Gefördert von der Medienboard Berlin-Brandenburg

Pressestimmen

"Atemberaubender kann Hollywood auch nicht inszenieren. Aber hier ist alles echt!" ELLE

"Eine tolle, bildgewaltige Dokumentation über die Dolpo-Region im Norden Nepals an der Grenze zu Tibet – und perfekt zum Runterkommen nach einem stressigen Arbeitstag."

Regiestatement

DAS INNERE DOLPO


Das Dolpo liegt im Nordwesten Nepals, nördlich des Dhaulagiri-Massivs, an der Grenze zu Tibet. Kernstück der Region ist das innere bzw. obere Dolpo. Umgeben von 6.000 bis 7.000 Metern hohen Bergen, ist es nur zu Fuß oder beritten über mehrere 5.000 Meter hohe Pässe erreichbar; es gibt hier die höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Täler der Erde. Mit einer Bevölkerung von etwa 5.000 Menschen ist das innere Dolpo extrem dünn besiedelt.

Das Dolpo gehörte über Jahrhunderte zu tibetischen Königs- und Fürstentümern, erst im 19. Jahrhundert weitete der nepalesische Staat seine Herrschaft ins Dolpo aus, wobei das Interesse der Regierung in Kathmandu an der isolierten, unwirtlichen und bitter armen Region bis heute äußerst begrenzt geblieben ist – de facto gibt es keine dauerhafte staatliche Präsenz Nepals im inneren Dolpo. Die Bewohner des Dolpo, die Dolpopa, sind tibetischsprachig und gehören der buddhistischen Minderheit Nepals an.

Durch seine isolierte Lage und die restriktive Besucherbeschränkung durch den nepalesischen Staat hat sich im Dolpo eine tibetische Tradition in einzigartiger Ursprünglichkeit bewahrt. Die Nyingma-Tradition ist dabei die vorherrschende buddhistische Richtung.
Das Klima ist bestimmt durch eine Periode des mäßigen Monsuneinflusses mit Nieselregen und eine durchgehende Trockenperiode zwischen September und Mai. Die wirtschaftlichen Aktivitäten beschränken sich auf Ackerbau, Viehzucht und etwas Handel. Die Feldarbeit wird in Ermangelung von Elektrizität und technischen Geräten in reiner Handarbeit betrieben, alle Familienangehörigen müssen ab dem frühen Kindesalter mithelfen. Angebaut wird Gerste, in einigen Tälern auch Buchweizen und etwas Gemüse. Straßen ins und im Dolpo sind nicht vorhanden. Die Waren müssen mit dem Flugzeug von Kathmandu nach Juphal im unteren Dolpo und von dort mit Mulis und Yaks ins innere Dolpo transportiert werden. Außerdem gibt es regelmäßig Yak-Karawanen ins benachbarte Tibet, dem wichtigsten Handelspartner für das innere Dolpo.

Über 90% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, die Kindersterblichkeit ist hoch, eine regelmäßige medizinische Versorgung gibt es nicht. Der Unterricht in den wenigen, meist nur während des Sommers geöffneten staatlichen Schulen findet auf nepalesisch statt. Tibetisch wird nur in den Klosterschulen für die Novizen und in den von den Mönchen aufgebauten, mit internationalen Spendengeldern finanzierten Schulprojekten gelehrt. Eine dringliche Aufgabe stellt die Bewahrung und Renovierung der einzigartigen Kulturschätze des Dolpo dar – viele alte Klöster und Bauwerke drohen in ihrer Baufälligkeit, endgültig verloren zu gehen.

Drehorte: Namdroling
Das Kloster Namdroling in Südindien ist die größte und gilt als die beste Ausbildungsstätte in der Nyingmatradition, hier leben, lernen und lehren 4.000 Mönche und Nonnen. Buddhisten aus Tibet, Darjeeling und Ladakh in Indien, aus Nepal, aber auch aus Kanada und den USA werden unterrichtet. Das Kloster wurde 1961 von Penor Rinpoche in der Nähe von Bylakuppe im südindischen Bundesstaat Karnataka errichtet, auf Land das Exiltibeter nach der Annexion Tibets von Indien überlassen wurde. Heute gibt es dort bedeutende Klöster aller 5 buddhistischen Linien und die Region ist zur weltweit größten Siedlung von Exiltibetern gewachsen, größer noch als Dharamsala, der Sitz des Dalai Lama in Nordindien. Die Besuchs- und Dreherlaubnis für das exterritoriale Gebiet des Namdroling Klosters wurde erst nach 8 Monaten erteilt.

Drehorte: Kanying Gompa
Das Kanying Gompa (tibetisch: Kloster) liegt im Bezirk Boudha in Kathmandu. 1991 trat Dolpo Tulku in dieses Kloster ein und wurde kurz als Reinkarnation erkannt und von Dilgo Khyentse Rinpoche anerkannt. Heute ist Kanying Gompa aufgrund seines reichen Kursangebots auch bei am Buddhismus Interessierten aus Europa und Amerika beliebt.

SHERAP SANGPO DOLPO TULKU RINPOCHE


Dolpo Tulku wird im zwölften Monat des tibetischen Eisenhahn-Jahres (1981) im Dho Tarap Tal in der unzugänglichen Dolpo-Region in Nepal geboren. Mit zehn Jahren pilgert er mit seinem Großvater nach Indien zu einer Initiation durch den Dalai Lama. Diese Erfahrung bestärkt seinen Entschluss, Mönch zu werden, und er tritt dem Kanying Kloster in Boudha bei, in der Nähe der nepalesischen Haupstadt Kathmandu. Wenige Monate später erkennt ihn Dilgo Khyentse Rinpoche, einer der spirituellen Führer des Nyingma-Buddhismus und Lehrer des Dalai Lama, als Reinkarnation des Dolpo Lamas Nyinchung Rinpoche an.

Dolpo Tulku wird zur Ausbildung nach Südindien in das Namdroling Kloster von Penor Rinpoche geschickt, wo er Lesen und Schreiben lernt und eine umfassende buddhistische Unterweisung erhält. 2006 beendet er als einer der Jahrgangsbesten das Studium an der Klosteruniversität.

Im Sommer 2008 kehrte Sherap Sangpo Dolpo Tulku in das Dolpo zurück, um sein Amt als geistliches Oberhaupt anzutreten und den Thron seiner Klöster in Dho Tarap, Namgung und Saldang zu besteigen. Daneben lehrt Tulku am monastischen Institut für höhere Buddhistische Lehren in Namdroling.

INTERVIEW MIT MARTIN HOFFMANN


Wie sind Sie auf die Geschichte des Dolpo Tulku und seiner Heimkehr gestoßen?

Ich habe Dolpo Tulku 2007 im Namdroling Kloster kennengelernt , während einer Urlaubsreise mit meiner Familie in Südindien. Auf den ersten Blick war er ein ganz normaler Mönch unter tausenden anderer. Er lud uns zum Saft in sein bescheidenes Appartement ein. Und dort, auf den zweiten Blick, faszinierte er selbst unsere Tochter, die die englische Übersetzung des Gesprächs nicht verstand: Ein junger Mönch, der eben seine Ausbildung als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen hatte, der einerseits fröhlich war und pausenlos per SMS kommunizierte, der aber andererseits sehr offen von seiner besonderen Situation und den damit verbundenen Ängsten sprach. Er erzählte, dass er eine hochrangige Wiedergeburt sei und bald sein Amt des Tulku antreten werde – und dass er noch nicht wisse, wie er dieser Verantwortung gerecht werden könne.

Mich haben seine Person und seine Geschichte – auch die Idee einer Religion, Autorität und Wissen durch Wiedergeburt weiterzugeben – sofort in Bann gezogen. Einige Tage später habe ich ihn per SMS gebeten, darüber nachzudenken, ob ich seine Rückkehr in das Dolpo für einen Film begleiten dürfe. Er hat darauf auf seine ganz eigene Art und Weise reagiert: Er mailte mir ein Foto von sich und uns, das er während unseres Besuchs mit Selbstauslöser gemacht hatte. Damit hatte er seine Bereitschaft mitgeteilt.

Wie ist es Ihnen gelungen, eine Drehgenehmigung für die buddhistischen Klöster in Südindien zu bekommen?

Wir mussten im Kloster Namdroling lange und behutsam für unser Vorhaben werben. Es ist eine abgeschottete Welt dort, und man hatte in der Vergangenheit einige Male schlechte Erfahrungen mit Filmbeiträgen über die Klöster in Bylakuppe gemacht. Aber nach einigen Monaten und sicher auch durch die Fürsprüche von Tulku bekamen wir schließlich grünes Licht. Unser Antrittsbesuch im Sekretariat bei Penor Rinpoche war dann nur noch eine erwartete Höflichkeitsgeste. Eine offizielle Besuchserlaubnis musste darüberhinaus im Innenministerium in Delhi beantragt werden, die Bearbeitung hat acht Monate gedauert. Zusätzlich wurden wir am Abend des ersten Drehtags auf die Polizeistation nach Kushnalgar zitiert. Nach dreistündiger Wartezeit und Einzelgesprächen mit dem Dienststellenleiter wurden dann unsere Fingerabdrücke genommen. Wir haben nie erfahren, warum.

Wieviel Zeit hatten Sie zur Verfügung, um nach der Begegnung mit dem Dolpo Tulku das Projekt vorzubereiten?

Zwischen dem ersten Treffen mit Dolpo Tulku und seiner angekündigten Heimkehr in den Himalaya lagen etwa 15 Monate. Diese Zeit war knapp, um das Projekt zuverlässig vorzubereiten. Nach der Regierungsbeteiligung der Maoisten in Nepal wurden die Vorschriften für Filmarbeiten in bestimmten Teilen des Himalayas nochmals verschärft. Zusätzlich zu den für das Dolpo ohnehin vergleichsweise teuren Trekking- und Drehgenehmigungsgebühren mussten nun auch „Verbindungsoffiziere“ aus drei verschiedenen Ministerien zum Dreh mitgenommen werden. Das bedeutete unter anderem, dass wir für die drei Beamten zusätzlich Verpflegung, Zelte und dafür auch wieder zusätzliche Träger einplanen mussten. Als wir dann im Dolpo waren, hat sich übrigens keiner mehr wirklich für uns interessiert. Außer einem Checkpoint kurz hinter dem Flughafen in Dunai gibt es eigentlich keine staatliche Präsenz in der Region.

Über den Stand unserer Vorbereitungen haben Tulku und ich uns regelmäßig per E-mail ausgetauscht, gleichzeitig stand er über Briefe und Boten im Kontakt mit den Menschen im Dolpo. Im Frühjahr kam dann aus dem Dolpo die Bitte, früher als ursprünglich geplant zu kommen, damit die Inthronisationsfeierlichkeiten nicht mit der Erntezeit zusammenfallen. Das hieß für uns, dass wir kurzfristig unsere Abreise um sechs Wochen vorziehen und uns auf schlechtes Wetter im Himalaya einstellen mussten – die Drehzeit fiel nun in die Monsunperiode.

Hatten Sie bereits Erfahrungen mit dem Drehen im Hochgebirge? Was waren die besonderen Herausforderungen der Vorbereitung?

Wir hatten schon in den Anden und in Ladakh in Höhen oberhalb von 4.000 Metern gedreht. Allerdings waren dort jeweils höchstens halbtägige Wanderungen vom Auto zum Drehort nötig. Das Entscheidende bei diesem Film war die Aufgabe, eine lange Produktionszeit in einer Gegend ohne jegliche Infrastruktur zu planen: zwei Monate ohne Strom, ohne Telefon, ohne medizinische Versorgung und ohne irgendeine Möglichkeit, etwas zu kaufen – immer mit der Notwendigkeit, die gesamte Ausrüstung mit uns zu führen. Wir haben uns deshalb bei der Ausrüstung auf das Allernötigste beschränkt, das aber jeweils doppelt eingepackt. Ebenso waren alle Funktionen im Team doppelt vertreten.

Als wir dann in Dunai im Unteren Dolpo aufgebrochen sind, wurde mir die Dimension unserer Produktion erst richtig bewusst. Wir hatten alles gut geplant, das Privatgepäck auf das Allernotwendigste beschränkt, für das technische Equipment raum- und gewichtssparende Lösungen gefunden – und nun standen wir vor einer Karawane mit 30 Leuten und 19 Maultieren. Denn tatsächlich mussten wir alles zur Selbstversorgung mitnehmen, Medikamente, Lebensmittel, Mehl, Reis, Nudeln, Kartoffeln, Konserven, Kerosin zum Kochen, Benzin für den Generator – für einen Zeitraum von acht Wochen.

Neben unserer Karawane gab es den Tross des Dolpo Tulku, der von 30 Dolpo-stämmigen Mönchen und Nonnen aus Südindien begleitet wurde. Etliche davon waren schon lange vorher aus Indien aufgebrochen, weil sie sich keinen Flug leisten konnten, und warteten dann in Dunai auf Tulku.

Folgte die Reise einem festen Zeitplan oder wurde von Tag zu Tag disponiert und entschieden?

Nachdem wir im Juni 14 Tage im Kloster Namdroling gedreht hatten und dann gemeinsam mit Tulku und Teilen seiner Begleitung nach Kathmandu geflogen waren, haben die Unwägbarkeiten begonnen. Tagelang saßen wir in Nepalganj fest, weil die Landebahn in Dunai, die einzige Landebahn im Unteren Dolpo, wegen schlechten Wetters nicht angeflogen werden konnte. Für den Marsch ins Obere Dolpo und die Route dort hatten wir in Abstimmung mit Tulku einen Reiseplan erarbeitet, der in der Praxis dann allerdings nicht viel wert war. Tulku musste, entsprechend den Erwartungen und Einladungen der Menschen, immer wieder umplanen. Wir mussten darauf so flexibel reagieren, wie das bei einem so großen Team und unter den gegebenen geografischen und klimatischen Umständen ging. Dazu kam, dass die Marschzeiten im Dolpo offenbar entweder für Hochleistungsalpinisten ohne Gepäck oder für Reiter angegeben werden – jedenfalls wurden aus den „höchstens ein paar Stunden“ für uns regelmäßig Tagesmärsche von 14, 15 Stunden. Selbst als wir an die Höhe gewöhnt waren, gab es immer wieder Etappen, die nicht von allen an einem Tag bewältigt werden konnten.

Da sich unsere Dramaturgie auf den Reiseverlauf und die von Tulku zu treffenden Entscheidungen fokussierte, wie er sein Amt ausfüllen würde, mussten wir immer gleichzeitig vor, bei und hinter Tulku und seinem auf über 60 Leute angewachsenen Tross sein. Zum fast unlösbaren logistischen Problem wurde das, als Tulku und seinen Begleitern am Eingang zum Oberen Dolpo völlig überraschend Pferde und Yaks zur Verfügung gestellt wurden. Für uns bedeutete das, dass wir zu Fuß schneller über den Kang-La-Pass auf über 5.000 Meter Höhe gelangen mussten als Tulkus berittener Tross. Letztlich war es eine Frage intensiver Diskussionen und Auswertungen innerhalb des Teams: wir haben von Tag zu Tag – meistens abends, nach dem Drehen, in Gesprächen von Zelt zu Zelt – entschieden, was wir machen und drehen würden.

Wie hat sich das Verhältnis zu Dolpo Tulku während der gemeinsamen Reise entwickelt? Durften Sie ihn überall hin begleiten?

Es gab ein großes Vertrauen von Seiten Tulkus, das sich auch auf seine Begleiter übertragen hat. Wir durften eigentlich immer dabei sein, auch bei allen Zeremonien und den internen Besprechungen. Und Tulku stand, wann immer wir wollten und sein Programm es zuließ, für Gespräche auch mit der Kamera zur Verfügung.

Was über die Zeit des Drehs offensichtlich wurde, war die ehrliche Überraschung und Rührung von Tulku angesichts der Intensität der Zuneigung, die ihm von den Menschen entgegengebracht wurde. Was ihm ebenfalls zunehmend anzumerken war, das war eine gewisse Enttäuschung darüber, dass sich im Dolpo seit seiner Kindheit eigentlich nichts weiterentwickelt hatte. Grundsätzlich war ihm das auch vorher klar, aber das mit eigenen Augen zu erleben, war doch etwas anderes, selbst die Töpfe in der Küche seiner Mutter waren noch die alten. Das hat ihm die Größe der Aufgabe, vor der er steht, sehr bewusst gemacht.

Von den Bewohnern des Dolpo wurden wir mitunter etwas schüchtern, aber immer sehr freundlich und hilfsbereit aufgenommen. Wahrscheinlich hat nicht jeder im Einzelnen verstanden, was wir da genau machen – wir waren in Gegenden, in denen viele, vor allem die Kinder, noch nie Menschen von außerhalb ihres Kulturkreises getroffen hatten. Die Gastfreundschaft, der wir begegnet sind, war überwältigend.

Der Film erzählt von der Zuneigung, die dem Tulku von den Menschen des Dolpo entgegengebracht werden. Wie konkret haben Sie die Erwartungen an ihn erlebt? Gab es z.B. die Erwartung, dass er sich ganzjährig im Dolpo niederlassen würde?

Ich würde nicht von „Erwartungen“ an den Tulku sprechen, das wird dem buddhistischen Denken nicht gerecht. Was wir erlebt haben, war eine große Freude über seine Anwesenheit, die Gewissheit, dass er gut sei und Gutes bewirken würde, weil ja sein Vorgänger gut war – deshalb wurde er ja wiedergeboren. Viele Leute kamen in tagelangen Märschen von weit entfernten Dörfern, um Dolpo Tulku zu treffen und an der Segnung teilzunehmen. Die Bewohner des Dolpo würden eine Entscheidung eines Tulkus niemals kritisieren. Sie vertrauen ihm. Und sie wissen sehr gut und vertrauen darauf, dass er für die Region in den Wintermonaten außerhalb des Dolpos mehr ausrichten kann, als wenn er sich sechs Monate hinter die Schneeberge in eines seiner Klöster zurückziehen würde.

Vielleicht könnte man sagen, dass sich die Freude, die mit der Ankunft des Tulku verbunden war, durch das Auftreten und Wirken des Dolpo Tulku konkretisiert hat. Im Film wird das in den Gesprächen mit dem Arzt und dem Schulleiter deutlich: ich denke, dass die Pläne und Vorhaben des Tulku Hoffnungen bestärkt und die Menschen motiviert haben.

Man spricht davon, dass sich im Dolpo aufgrund der isolierten Situation ein sehr ursprünglicher, tief verwurzelter Buddhismus erhalten hat. Wie haben Sie das erlebt?

Wir haben die Menschen im Dolpo so erlebt, dass sie trotz harter Arbeit und großer Armut eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlen. Das hat sicher mit der Verwurzelung im Buddhismus zu tun. Die Rituale des Buddhismus sind ein völlig selbstverständlicher und oft ziemlich zeitaufwändiger Bestandteil des Alltags, das Aufsagen der Mantras während der Arbeit, die Gebetsmühlen... Die Idee der Wiedergeburt nimmt einerseits die Angst vor dem Tod und steigert gleichzeitig die Bereitschaft, nicht nur das eigene Schicksal zu ertragen, sondern auch altruistisch, selbstlos zu denken. Es gibt eine große Nachbarschaftlichkeit und eine Tradition der gegenseitigen Hilfe, das Vieh wird gemeinsam gehütet, die Yak-Karawanen zum Transport der benötigten Waren werden gemeinsam durchgeführt. Es gibt eine Bereitschaft zum Teilen, die ich noch selten so erlebt habe; wenn wir Kekse an die Kinder verschenkt haben, war es für die Kinder ganz selbstverständlich, dass alle etwas davon abbekommen.

Wird sich dieser in der Alltagskultur und dem Denken und Fühlen der Menschen verankerte Buddhismus halten können, wenn die Modernisierung das Dolpo erreicht?

Ich wünsche dem Tulku sehr und unterstütze ihn dabei, dass es ihm gelingt, seine Vorhaben im Dolpo zu verwirklichen: medizinische Versorgung, Schulen, eine Straße sind absolut wünschenswert und notwendig.
Klar ist aber auch, dass mit der Modernisierung, spätestens mit den ersten Fernsehgeräten auch andere Werte Einzug halten werden.

Ich denke, Tulku ist das sehr bewusst. Er weist im Film ja darauf hin, dass die Lehren des Buddhismus einen großen Reichtum im Dolpo darstellen, den man nicht verlieren darf. Und man muss das ernst nehmen, wenn er als erstes seiner Ziele die Bestärkung der Mönchsgemeinschaft und den Aufbau einer Schule für buddhistische Lehre im Dolpo nennt. Ob ihm dieser Spagat zwischen der Bewahrung der buddhistischen Kultur, des gelebten Altruismus und den Nebenwirkungen der Modernisierung gelingt, ist eine spannende Frage.

Was hat die Reise und die Arbeit mit Dolpo Tulku für Sie persönlich verändert?

Die große Ruhe, die Höhe und die körperliche Anstrengung haben allen im Team gut getan. Irgendwann haben wir angefangen, das Leben ohne Mobiltelefon, ohne Internet, ohne Autos zu genießen. Keine überflüssigen Einflüsse mehr, die überflüssigen Stress verursachen: Das ist eine Erfahrung, die über die Drehzeit hinaus Bedeutung hat. Ganz allgemein bleibt eine gewisse Gelassenheit: Welche Relevanz hat unsere Angst vor Bankenkrise oder Schweinegrippe gemessen an dem Alltag der Menschen im Dolpo, die beide Begriffe nicht kennen, aber ihr Leben, das täglich ungleich größere Bedrohungen bereithält, mit einer sehr viel größeren Zufriedenheit und Ruhe leben?

Und natürlich bleiben besondere Erlebnisse, die außerhalb des gewöhnlichen Erfahrungsbereichs liegen. Als wir den Kang La, den letzten hohen Pass über 5.000 Meter, erreicht hatten, bin ich auf der Suche nach einer besonderen Kameraeinstellung noch etwas höher gestiegen, bis ich zufällig einen Packen tibetischer Gebetsblätter fand. Ich warf sie gemäß der buddhistischen Tradition in den Wind und wünschte mir dabei Neuschnee und Sonne für den nächsten Tag. In der Nacht fielen 20 Zentimeter Neuschnee, und morgens um fünf sind wir auf einen Gipfel oberhalb Kang La gestiegen, mit Sicht auf unzählige Sechstausender. Es war Monsun und nicht wirklich wolkenfrei – und plötzlich bricht die Sonne heraus und der Dhaulagiri-Gipfel taucht auf, ein überlebensgroßer Anblick. In diesem Moment war ich mir ganz sicher, dass wir dieses unfassbar schöne Bild den in den Wind geworfenen Gebetsblätter zu verdanken haben. Und ich bin es noch.

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