Die Chinesischen Schuhe

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Die Chinesischen Schuhe

Ein Film von Tamara Wyss

Zum Film

Auf den Spuren ihrer Großeltern begibt sich Tamara Wyss den Jangtse flussaufwärts, durch die Drei Schluchten bis in die großen Städte Sichuans. Gedreht wenige Wochen vor der Fertigstellung des Staudamms, treffen wir überall auf Zeichen eines großen und historischen Umbruchs. Alles ist in Bewegung, nicht nur die Flusslandschaft, die an uns vorüberzieht. Alte Städte werden abgerissen, neue gebaut, der Welt größter Staudamm lässt einen Fluss und mit ihm eine einzigartige Kulturlandschaft unwiederbringlich verschwinden. Nichts wird bleiben, wie es ist, auch die Landschaft der Drei Schluchten, die wir im Film sehen und die die Großeltern noch gekannt haben, wird in Kürze nur noch Geschichte sein.

Der Film richtet sein Augenmerk immer wieder auf die Menschen, denen Tamara Wyss während ihrer Reise begegnet. Mit erstaunlicher Offenheit und einer überraschenden Gelassenheit berichten sie von den Verwerfungen chinesischer Geschichte und den Folgen aktueller Politik für ihr Leben. Im Gepäck hat die Autorin Fotografien, Tonaufnahmen, Aufzeichnungen und Briefe ihrer Großeltern. Diese Dinge sind ihr „Reiseführer“ durch das Land und zu den Menschen. Zu ihnen kehrt der Film immer wieder zurück.

Fern von einem politischen Pamphlet hat sich die Filmemacherin Tamara Wyss mit Die chinesischen Schuhe auf eine faszinierende filmische Reise über den Jangtse-Fluss begeben: eine Staunen machende Entdeckungsfahrt durch ein China zwischen jahrtausendealter Tradition und atemloser Moderne.

Gedreht im Spätsommer 2002, wenige Wochen vor der Flutung der Drei Schluchten, trifft die Autorin überall auf Zeichen eines großen äußeren Umbruchs. In dieser Situation stellt der Film Fragen nach dem Umgang mit der Vergangenheit. Er verknüpft die beiden Zeitebenen, die Gegenwart und die Vergangenheit, durch Schauplätze, durch Menschen, und ihre Geschichten, mit Bildern oder Musik. Tamara Wyss arbeitet mit ruhigen, langen Einstellungen, sie nimmt sich Zeit für Begegnungen, der Kommentar ist sparsam und beschränkt sich auf Persönliches und die Geschichte der Grosseltern.

Hedwig und Fritz Weiss lebten und reisten am Anfang des 20. Jahrhunderts in China. Fritz Weiss ist Konsul für das deutsche Kaiserreich, Hedwig Weiss eine abenteuerlustige Frau, die schon immer von zu Hause weg wollte und neugierig ist auf ein exotische Land. Frisch verheiratet machen sie sich auf den Weg zur neuen Dienststelle im entlegenen Westen Chinas. Fritz Weiss hält als Konsul, und das ganz wörtlich, die deutsche Fahne in diesem entlegenen Winkel Chinas hoch.

Aber ihr eigentliches Interesse gilt etwas anderem: Sie wollen Land und Leute kennen lernen, in unbekannte Gegenden vordringen und Abenteuer erleben. Interessiert an den technischen Errungenschaften ihrer Zeit, haben sie Kameras dabei, auf einem der ersten Edison Phonographen nehmen sie Lieder der Jangtse Treidler auf. Sie erleben eine Zeit, in der sich politisch vieles ändert: das Ende des Kaiserreiches, die ersten Jahre einer zum Untergang bestimmten Republik.

Die Autorin folgt der Route der Großeltern. Sie bittet um Auskunft zu den alten Fotos, sucht Orte, trifft auf Menschen, die die Nachfahren jener sein könnten, die auf den alten Fotografien zu sehen sind. Sie gewinnt Einblick in die Vergangenheit, und in ihr gegenwärtiges Leben. Alles scheint in Bewegung, nicht nur die Flusslandschaften die an uns vorbeiziehen. Alte Städte werden abgerissen, neue gebaut, ein Fluss wird verschwinden, Menschen siedeln um, neue Wirtschaftsformen zwingen Menschen zum Aufbruch, Lebensformen ändern sich ebenso radikal, wie es zu Zeiten der Großeltern der Fall war.

In der ersten Hälfte des Filmes fahren wir den Fluss hinauf – es ist der letzte Sommer vor der Fertigstellung des Drei Schluchten Staudamms. Die letzten Häuser werden abgerissen, die Wenigen die noch nicht umgezogen sind, müssen es jetzt tun. Ehemalige Bootsleute und Treidler müssen nach neuer Beschäftigung suchen müßen. Eine Gruppe von ihnen hat ihre Erfahrungen zu einem Theaterstück für Touristen verarbeitet.

In der zweiten Hälfte des Filmes begeben wir uns in die Großtädte Sichuans: Chongqing und Chengdu. Was in den Drei Schluchten als Folge der technologischen Entwicklung erst erwartet wird, ist in den rastlosen Metropolen Teil bereits eingetreten. Eine Moderne, die die erstaunlichen Fundamente chinesischer Geschichte zu überlagern scheint. Wir begegnen dem Architekten des Mao Denkmals in Chengdu, der verschmitzt von den damaligen Vorgaben für das Bauwerk redet, das wohl immer Zentrum Chengdus bleiben wird. Ein Rechtsanwalt, der die Geschcihte seines eigenen Großvaters recherchiert, gewährt uns einen Einblick in die kurzen Momente der Mehrparteiendemokratie nach der ersten chinesischen Revolution im Jahr 1911.

Frauen treten unmerklich ins Zentrum des Films, sie sind Bauleiterinnen, Rentnerinnen und Ladenbesitzerinnen, sie reden mit großer Offenheit über ihr persönliches Leben, ihre derzeitige Situation und ihre Zukunftswünsche. Der Ältesten, der 110 jährigen Zhang Zhenhua, zeigt der Autorin jenes Andenken, das ihre Grosmutter aus einer Zeit mitbrachte, in der beide Frauen jung waren und sich doch nie begegnen konnten: Die chinesischen Schuhe.


Die Chinesischen Schuhe

Ein Film von Tamara Wyss

Eine Produktion der Mediopolis Film und Fernsehproduktion GmbH in Zusammenarbeit mit China Intercontinental Communication Center Beijing.
In Koproduktion mit RBB, RBB-ARTE, NDR und SWR.

D 2004, 104 Min., 35mm, Farbe

Pressestimmen

„Tamara Wyss nimmt Fotos und das Tagebuch ihrer Großeltern zum Anlass, um von den großen Umbrüchen entlang der wunderschönen Flusslandschaft des Jangtse zu erzählen. Ein nostalgischer Dokumentarfilm, der vor allem den Jangtse-Schluchten und ihren Bewohnern ein würdiges Denkmal setzt und jeden China-Fan begeistern wird.“ [epd Film]

Regiestatement

Interview mit Tamara Wyss

Können Sie uns ein etwas über Entstehungsgeschichte Ihres Film erzählen?

Tamara Wyss: Ich glaube es fing damit an, dass mein Vater nach Spanien umzog und seinen Keller aufräumte. Ich entdeckte unter anderem die alten Fotos meiner Großeltern. Die habe ich an mich genommen und überlegt, was ich damit anfangen soll. Als erstes habe ich einen Kurzfilm nur aus diesen Fotos gemacht. Ich dachte dann, ich würde sehr gerne zu diesen Orten, an denen ein Teil der Bilder aufgenommen wurde. Diese Orte waren für meine Großeltern sehr wichtig.

Als ich ein Kind war, hat meine Großmutter sehr viel von ihrer Zeit in China erzählt. Sie hat auch Kinderbücher geschrieben. Zwei davon spielen in China. Das war eine Art Mythos. Es gab diese kleinen chineischen Schuhe und auch andere Dinge, die sie aus China mitgebracht hatte und die für mich als Kind immer sehr reizvoll waren. Eine ganz andere Welt, etwas sehr Exotisches und Mysteriöses. Daraus ist dann die Idee entstanden, an diese Orte zurückzukehren, um zu sehen, wie sie heute sind.

Der andere wichtiger Punkt, der im Film aber nicht vorkommt, ist, dass ich in den 70-er Jahren eine Zeitlang Anhängerin des Maoismus` war und die Kulturrevolution aus der Entfernung damals ganz toll fand (lacht). Das hat sich natürlich relativiert in der Begegnung mit China und Leuten, die das wirklich erlebt haben. So war dieses Hingehen nach China einerseits ein Zurückgehen in Eindrücke der Kindheit, um diese mit der heutigen Wirklichkeit zu konfrontieren. Anderseits hat das mit meiner Biografie zu tun und den politischen Idealen, von denen ich mal glaubte, dass sie in China verwirklicht wären.

Wenn Sie im Film sagen: „Hier erkenne ich nichts mehr!“ , gibt es bei Ihnen da eine gewisse Nostalgie oder ein Verlustgefühl in Bezug auf die unauffindbaren Orte Ihrer Großeltern und die Umsiedlung der Menschen?

Ein Verlustgefühl schon... Einige Jangtse-Städte - obwohl ich es schade finde, dass die abgerissen werden und die Leute umsiedeln müssen, waren ja keine besonders schönen Städte. Die Orte, die meine Großeltern gesehen haben und die unserem ästhetischen Gefühl nach schön waren, die gibt es ja schon lange nicht mehr, das ist in den letzten Jahrzehnten schon alles abgerissen worden.

Was die Umsiedlung angeht, das ist für mich keine Frage der Nostalgie, sondern der sozialen Gerechtigkeit. Das habe ich versucht, im Film anklingen zu lassen. Wobei das kein Film über den Staudamm ist. Der Staudamm liegt entlang der Reiseroute. Er steht für eine technologische Umwälzung, die auf der anderen Seite zum Verlust der Tradition führt, zum Verlust von Heimat, wenn man so will. Nun gibt es manche Menschen, die sagen: „Das ist eben notwendig!“, und es gibt andere Menschen, die sagen: „Der Preis ist zu hoch!“. Der eine Mann, den ich direkt dazu befrage, sagt, er sei natürlich traurig weggehen zu müssen, aber was zähle er schon als Einzelner gegenüber einem Staatsprojekt? Für mein Verständnis war das sehr traurig, aber ich weiß, dass andere Leute diese Aussage nicht als traurig sehen, sondern als: „So ist es eben!“

Die Menschen scheinen diese Dinge in den Interviews mit einem Lächeln zu sagen. Hinter diesem Lächeln verbirgt sich allerdings etwas ganz Trauriges, Schmerzhaftes.

Das glaube ich auch. Gleichzeitig ist dieser Staudamm natürlich ein politisch sehr heikles Thema und ich wollte die Leute nicht zu etwas drängen, was sie in dieser Situation nicht sagen wollten oder konnten. Deshalb sind ihre Aussagen dazu teilweise sehr zurückgenommen, aber Trauer und Empörung sind doch immer wieder deutlich spürbar.

Trotzdem sind Sie auf ein großes Redebedürfnis der Leute gestoßen? Haben sie sich leicht auf Sie als Ausländerin eingelassen?

Ich hatte nicht das Problem, dass die Leute nichts erzählen wollten. Bei meiner ersten Reise 1998 bin ich noch auf viel Ablehnung gestoßen, auf viel Misstrauen mir gegenüber. Bei der zweiten Reise war das sehr viel weniger ein Problem. Ich hatte einen klaren Grund, weshalb ich diese Reise machte: Ich reiste meinen Großeltern nach. Das war für die Chinesen viel eher akzeptabel, und deshalb wurde ich nicht als so fremd empfunden, wie das sonst der Fall gewesen wäre. Ich habe die alten Fotos gezeigt, und das hat bei den Leuten großes Interesse hervorgerufen.

Es war so, dass ich ihnen etwas zeigen und geben konnte und nicht nur etwas von ihnen genommen habe. Das war mein Versuch. Ich bin auch zu verschiedenen Leuten zurückgegangen, weil ich auf keinen Fall unverbindlich bleiben wollte. Nach den Recherchen und nach dem Dreh habe ich den Leuten Fotos geschickt, die ich aufgenommen hatte. Damit sie wissen, das ich nicht verschwinde, sondern dass ich da bin und an sie denke.

Ist es heute noch etwas Besonderes als Ausländerin durch China zu reisen? Wie ist es Ihnen unterwegs ergangen?

Chinesen gehen viel unbefangener mit Neugier um. Man wird viel und sehr genau beobachtet. Das muss man vor allem mit Humor nehmen. Gleichzeitig ist das eine wunderbare Chance Menschen kennen zu lernen.

Meinen Sie nicht, dass man eher positiv beachtet wird, es schon an einer Art Verklärung des westlichen Ausländers grenzt?

Das gibt es sicher auch, aber nicht nur. Meine Dolmetscherin ist bei der ersten Reise einmal als „Dienerin des fremden Teufels“ beschimpft worden. Also das hat es auch gegeben. Bei der ersten Fahrt 1998 hatten wir nicht viel Geld und sind in Hotels gegangen, die eigentlich für Chinesen sind und da sind wir zweimal rausgeflogen: Die Hoteldirektorin hat uns ein Zimmer gegeben und dann hat das Zimmermädchen uns angezeigt. Sie hat am Gepäck erkannt, dass wir Ausländer sind und dann ist sie zu jemandem hingegangen und die Direktorin wurde aufgefordert, uns rauszuschmeißen.

Aber Sie haben wahrscheinlich schon Recht mit dem positiven Verklären. Wobei 2002 in den großen Städten auch schon so viele Ausländer waren, dass man nicht mehr so aufgefallen ist. Die ehemaligen Bootsleute, vor allem die alten Leute, hatten insgesamt am wenigsten Angst zu reden und haben sehr frei mit uns gesprochen. Die jungen Leute waren manchmal etwas schüchtern, etwas unbeholfen und da war es dann schwieriger. Es war schon sehr offensichtlich, dass die alten Leute ein ganz anderes Selbstbewusstsein als die jungen Leute in Bezug auf das Sich Darstellen hatten.

Wie kann man sich erklären, dass gerade Ältere , die Kulturrevolution und politische Unterdrückung noch deutlicher miterlebt haben, jetzt keine Hemmungen haben sich zu äußern? Vielleicht ist es genau das: Sie haben soviel erlebt und jetzt haben sie keine Angst mehr. Anders vielleicht die Bauherrin in meinem Film: Sie hat von ihrem Status her keine Angst. Aber auch die Frau, die darüber redet, dass sie nicht genug Entschädigung für ihren Laden in Chengdu bekommt: Sie redet ganz frei von der Leber weg. Also dieses Frei-von-der-Leber-weg-Reden und seine Unzufriedenheit ausdrücken, habe ich doch eher bei Personen erlebt, die nicht mehr ganz jung waren. In China wird ja relativ frei über alles geredet, solange man die Regierung nicht direkt angreift. Und diese Fragen haben in meinem Film keine direkte Rolle gespielt. Mein Thema war nicht die Regierung Chinas, sondern das Leben dieser Menschen in diesen Orten und das ging auch gut.

Wie ist das mit nationalem Selbstgefühl, auf was sind Sie da gestoßen?

Eine schwierige Frage. Ich bin auf ein größeres Selbstverständnis gestoßen, was die eigene Nation angeht, als dies in Deutschland der Fall ist. Es wird mit einer großen Selbstverständlichkeit und großem Selbstbewusstsein- wie die meisten Menschen insgesamt sehr selbstbewusst sind- über die eigene Herkunft, das Land, die Nationalität gesprochen.

Während meiner ersten Reise war das noch anders. Wenn man mit irgendetwas ein Problem hatte, z.B. dem Hotel, gab es Leute, die das als Kritik an dem Land empfanden. Etwas Ähnliches ist uns in einer Gegend widerfahren, in der die Minderheiten der Yi leben. Das sind sehr arme Menschen. Wir haben in einer Schule gedreht, in der die Kinder zum Teil auch wohnen. Die bekommen dort zwei Mahlzeiten am Tag und diese Mahlzeiten bestehen aus Reis und einer Wassersuppe mit etwas Kartoffeln. Die Kinder sind alle zu klein für ihr Alter, die sind unterernährt.

Ich dachte mir damals, dass die Kinder etwas von unserer Anwesenheit haben sollten, indem sie etwas zu essen bekommen, was ein bisschen nahrhafter ist. Wir haben also ein Schwein gekauft und es in die Schule gebracht. Die Lehrer haben sich unheimlich gefreut, aber der Direktor hat es ignoriert. Im Gespräch hat er gesagt, dass es wichtigere Dinge als die Ernährung gibt. Er hat das Schwein als Almosen begriffen, also als Erniedrigung, und er hat betont, wie fortschrittlich sie sind, wie sozialistisch.... Das war schon interessant: Solche Aussagen, die man sonst nur sehr wenig in China findet, spielten in dieser Schule, die ganz weit weg in den Bergen liegt noch eine wichtige Rolle.

Inwieweit hat sich Ihr China- Bild differenziert? Wie war Ihre Vorstellung von China vor Ihren Reisen?

Bei der ersten Reise 1998 hatte ich wirklich eine Reihe von Vorurteilen. Ich dachte, ich würde eine östliche Version der DDR antreffen. (Lacht) Ich war ängstlich, vorsichtig und so weiter. Man merkt dort ganz schnell, dass das überhaupt nicht so ist. Vorallem in Südwestchina habe ich mich eher an Mittelmeerländer erinnert gefühlt als an den Ostblock. Das hat mich wahrscheinlich erstaunt und verwundert, weil ich vorher eben nie dort war.

Und obwohl im Film viele traurige Ereignisse und Schicksale geschildert werden, hatte ich das Gefühl, spürt man ein gewisses positives Lebensgefühl.

Ja, das ist auch der Fall. Das sehe ich genauso. Die Chinesen haben einen sehr ausgeprägten Sinn für Humor und eine positive, anpackende Lebenseinstellung. Es wird trotz all dieser Schwierigkeiten sehr wenig geklagt. Es war auch mein Ziel, dass die Leute im Film als sehr starke Figuren rüberkommen.

Man sieht Chinesen, die hart arbeiten, denen es sozial nicht gut geht, damals wie heute. Hat sich vor diesem Hintergrund Ihr Verhältnis zu den Großeltern verändert?

Eins ist klar: Meine Großeltern waren als Vertreter eines imperialistischen Staates in China. Punkt. Ich glaube, dass sie das nicht reflektiert haben, dass sie ein ungebrochenes Verhältnis zu ihrer Rolle hatten. Für sie war das die Abenteuermöglichkeit, die Idee, etwas Neues kennen zu lernen und zu erforschen. Mein Großvater hatte vor der Zeit, die ich im Film behandle, ausgedehnte Wanderungen in Südwestchina gemacht, eine Fußreise von Indien nach Yunnan zum Beispiel. Ich glaube, er wäre lieber Geograph geworden als Konsul. Aber genau diese Konsulartätigkeit gab ihm den finanziellen Hintergrund, das zu machen, was er machen wollte. Es gibt endlose Briefe, wo mein Großvater sich darüber aufregt, dass er nicht mehr chinesisch sprechendes Personal aus Deutschland bekommt, um ihn zeitweilig zu ersetzen, damit er die „wirklich wichtigen“ Reisen machen kann, um für die deutsche Industrie neue Absatzmärkte zu finden. (lacht) Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob er in irgendeinem entlegenen Yi-Dorf große Absatzmöglichkeiten für deutsche Produkte vermutete. Ich denke, dass er da wahrscheinlich auch zwiespältig war. Das kann ich so genau nicht sagen.

Er hat sich auch -das kommt im Film nicht mehr vor- während des ersten Weltkrieges ganz massiv in die Politik eingemischt. In Yunnan, damals französisches Einflussgebiet und Indochina, also jetziges Vietnam, gab es Aufstände gegen die Franzosen, die er kräftig unterstützt hat. Ich weiß nicht genau, wie weit das ging, ob das auch materiell unterstützt wurde oder nur durch Drucken von Flugblättern. In der französischen Presse gab es sehr viele negative Berichte über ihn, er wurde sehr angegriffen, weil er die Vietnamesen gegen die Franzosen unterstützte. Natürlich auch aus deutsch - imperialem Interesse, nicht, weil er nun unbedingt für die Freiheit der Vietnamesen war. Aus diesem Grund hielt er auch im Grenzgebiet zu Burma mit verschiedenen muslimischen Gruppen Kontakt. Da ging es zum Teil darum, Aufstände gegen die Engländer anzuzetteln.

In dem Kinderbuch meiner Großmutter werden die chinesischen Menschen sehr liebevoll beschrieben. Meine Großmutter selber hatte aber wenig freundschaftlichen Umgang mit Chinesen. Die Kontakt meiner Großeltern beschränkten sich vorwiegend auf das Personal und die offiziellen Kontakte meines Großvaters. Seine freundschaftlichen Kontakte gingen alle auf die Kaiserzeit zurück. Mit dem Beginn der chinesischen Revolution hatte er diese Kontakte nicht mehr, weil er sich politisch leider nicht für diese Republik oder Revolution erwärmt hatte.

Man muss zur Biographie meiner Großeltern noch sagen, dass beide jüdische Vorfahren hatten. Beide hatten jüdische Mütter und das war eine Tatsache, die bekannt war. Ich weiß nicht genau, was das dort in China unter den deutschen Kollegen für eine Rolle spielte, aber ich habe einen Brief von jemanden gefunden, der meine Großeltern in Yunnan gekannt haben muss und der zu Beginn des 3. Reiches ans Auswärtige Amt schrieb und sie als Juden denunzierte. Das heißt, es muss doch eine Rolle gespielt haben und bekannt gewesen sein. Mein Großvater ist dann 1934 in Zusammenhang mit dem Gesetz zum Berufsbeamtentum aus dem Dienst ausgeschieden.

Die tatsächlichen chinesischen Schuhe nehmen im Film insgesamt nur einen kleinen Platz ein. Ist das ein Spiel mit dem Interesse des westlichen Zuschauers an verkrüppelten chinesischen Füßen bzw. dieser Assoziation?

Das wäre eher ein Grund für mich gewesen, den Titel nicht zu nehmen. Wir haben auch nicht das chinesische Zeichen „3 Zoll Lilienfüße“ genommen, sondern einfach für Schuhe. Die chinesischen Schuhe sind dann nicht nur die kleinen Schuhe, die ich der einen Frau am Ende des Filmes zeige und die meine Großmutter einst mitgebracht hatte, sondern sind symbolisch auch die Schuhe, die ich trage, wenn ich in China unterwegs bin.

Im zweiten Teil des Films werden Frauen immer mehr die eigentlichen Protagonisten des Films. Das war keine Absicht, das hat sich so ergeben. Es waren einfach nur Männer, die auf dem Fluss gearbeitet und darüber geredet haben. In der Stadt sind es zunehmend Frauen.

Für mich sind diese beiden alten Frauen am Ende des Films sehr wichtig, weil sie für mich einen Gegenpol oder zumindest eine Ergänzung zur Rolle meiner Großmutter schaffen. Meine Großmutter beschreibt, wie sie chinesische Frauen besuchte, die alle Mahjong spielten und ihre unlackierten Fingernägel und großen Füße kritisierten, sie deshalb sogar auslachten. Da wird deutlich, dass es keine Kommunikation zwischen diesen beiden Welten gibt.

Aber wenn man die beiden alten Frauen Ende des Films betrachtet, dann ist man mit Frauen konfrontiert, die ungefähr der Generation meiner Großmutter angehören. Die hatten sehr wohl ihren eigenen Kopf und wollten ihr Schicksal selbst bestimmen. Zum Beispiel die heute 110-jährige Zhang Zhenghua, die einen Doktortitel hat und damals sicherlich sehr darum kämpfen musste, zur Schule und später zur Universität gehen zu können. Die hatte im Grunde damals eine größere emanzipatorische Lebenserfahrung als meine Großmutter.

Meine Großmutter hat nicht studiert und hat sich keinen eigenen Beruf gesucht. Sie ist nicht Forscherin geworden, sondern sie hat sich einen Mann gesucht, durch den sie dann diese Dinge verwirklichen konnte. Erst durch das Schreiben hat sie sich ihren eigenen Beruf geschaffen. Es ist also nicht so, dass es keine Berührungspunkte zwischen diese beiden Welten hätte geben können.

Das Interview führte Feng-Mei Heberer / China aktuell

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