My Brother Tom

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My Brother Tom

Ein Film von Dom Rotheroe

Als Tom aus den Ästen eines brennenden Baums in Jessicas Leben springt, reagiert sie erschrocken und fasziniert zugleich auf seine rauhe, intensive Art, hinter der sich ein dunkler Schmerz zu verbergen scheint. Den kleinen verwilderten Wald am Stadtrand hat Tom zu seiner geheimen Zuflucht gemacht. Nun wird der Wald zu einer Welt, in der sich Jessica und Tom in einer Liebe ohne Kompromisse entdecken.

Dom Rotheroes Spielfilmdebüt My Brother Tom erzählt in rauhen und zärtlichen Bildern von einer bedingungslosen Liebe, die Grenzen überschreitet und an Grenzen stößt – kein Märchen von verliebten Königskindern, sondern ein Film über Nähe, Schmerz, Hingabe, Einsamkeit und Sehnsucht. Die Kamera führte Robby Müller, der langjährige Kameramann von Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier, in den Hauptrollen beeindrucken die Newcomer Jenna Harrison und Ben Whishaw. My Brother Tom wurde u.a. ausgezeichnet mit den Publikumspreisen beim Britspotting Festival Berlin und in Angers 2002 und dem British Independent Film Award (Ben Whishaw: Most Promising Newcomer 2001).

Zum Film

Das Leben der 17jährigen Jessica in ihrem bürgerlichen Wohnviertel gerät aus den gewohnten Bahnen, als sie auf ungewöhnliche Weise dem gleichaltrigen Tom begegnet. Aus den Ästen eines brennenden Baumes springt er vor ihre Füße, bedroht von einer Gruppe gleichgültiger Jugendlicher. Jessica hilft ihm, ebenso erschrocken wie fasziniert von diesem seltsamen, mageren Außenseiter, der sich sogleich an sie hängt und hartnäckig und aufmerksam um ihre Freundschaft wirbt. Er gewährt ihr Zutritt zu seiner geheimen Welt im kleinen verwilderten Wald hinter der Wohnsiedlung, mit seinem tief im Inneren gelegenen dunkelgrünen Tümpel. Immer intensiver fühlt sich Jessica hingezogen zu Tom und seiner rauhen, sprunghaften Art, die einen sprachlosen Schmerz und eine ungeheure Sehnsucht zu überdecken scheint. Immer näher kommen sich Jessica und Tom, bald teilen sie die verborgene Zuflucht im Wald miteinander.

Jäh wird die ungewöhnliche Idylle zerbrochen. Jack, der Lehrer und langjährige Nachbar, missbraucht Jessica in ihrem eigenen Zimmer. Sprachlos vor Schock, sucht sie instinktiv Zuflucht im Wald. Tom findet sie dort, heftig zerkratzt von wilden Brombeersträuchern, verstockt und aggressiv, allein in ihrem Schmerz. Am Morgen kehrt sie nach Hause zurück, wo ihre Eltern und ihre Schwester Sarah die Nacht in angstvoller Sorge verbracht haben. Auch auf massiven Druck weigert sich Jessica, von ihrer Nacht im Wald zu erzählen, rebellisch wehrt sie alle Versuche ab, sich ihr zu nähern. Nachts entkommt sie dem Hausarrest und trifft sich mit Tom an ihrem geheimen Platz im Wald. Tom akzeptiert die Veränderung in Jessicas Wesen fraglos. Beide erkennen sich in ihrem unausgesprochenen Schmerz und begeben sich in eine magische Welt von sprachloser Wildheit und absoluter Nähe. Sie versprechen sich, immer eins zu sein, ein Körper, eine Seele.

"Was dir geschehen ist, ist mir geschehen", sagt Jessica. Aber beide, Tom und Jessica, behalten ihre Verletzungen für sich, allein in der Sprachlosigkeit finden sie zueinander. Als Jessica eines Abends Toms Geheimnis entdeckt, bricht die Beziehung jäh auseinander, die Grenzen zwischen Lüge und Wahrheit, Treue und Verrat sind aufgelöst. Als Tom und Jessica wieder zueinander finden, haben sich beide verändert. Jessica ist gereift und versucht mit aller Kraft, ihren Frieden mit sich und Tom wieder zu finden. Tom ist unberechenbar geworden, verlässlich nur in seiner unbedingten Hingabe zu Jessica...

Pressestimmen

"Einer der bewegendsten Filme dieses Jahres, eine packende, aufregend eigenwillige Liebesgeschichte mit äußerst engagierten und mutigen Darstellern. Ein verstörender, nachhaltig atmosphärischer Film."(The Glasgow Herald)

"Vom Wenders-Weggefährten Robby Müller auf verwischt-wunderschönem DV-Material gedreht, beeindruckend erzählt mit einem aufs Äußerste verknappten Dialog… eigenständig und eindringlich!" (Financial Times)

"Eine Überraschung, ein individueller Film, erzählt in einer wunderbaren Balance zwischen fast unerträglicher Intensität und schwebender Leichtigkeit." (Tip)

"Dank Robby Müllers außergewöhnlicher Fähigkeit und Erfahrung gelingt es Dom Rotheroe, die dramatische Geschichte der fatalen Liebe zwischen Tom und Jessica überaus ergreifend und packend zu inszenieren. Ein äusserst mutiger Film, der zweifelsohne zu den Highlights des laufenden Kinojahres gehört." (Der Schnitt)

"Einfühlsam gefilmt, rauh und kraftvoll, mit herausragenden Schauspielerleistungen… Ben Whishaw ist eine echte Entdeckung. Er kann selbst die ungewöhnlichsten Momente wirklich und berührend erscheinen lassen." (Daily Express)

"Ein im besten Sinne verstörender Film, mit beeindruckenden Schauspielern." (The Guardian)

"Ein beeindruckender, spontaner und intimer Film. Die große Schauspielhoffnung Ben Whishaw verbindet schlaksige Athletik mit einer für sein Alter außergewöhnlichen Bandbreite emotionaler Ausdrucksmöglichkeiten."
(The Sunday Times)

"Unwiderstehlich wird man von diesem Film mit seinem rauhen, dokumentarischen Gefühl in Bann geschlagen und bewegt… Ein kleines Filmjuwel!"( Film Review)

"Ein meisterhafter, bewegender und verstörender Film… Großen Anteil an der Wirkung hat die Kamera von Robby Müller." (3Sat)

"My Brother Tom beschäftigt sich mit einem Aspekts des Erwachsenwerdens, der von den Mainstream-Filmen üblicherweise übersehen wird: Die Grenze zwischen Treue und Verrat ist ein dünner Faden. Wenn er reißt, zerreißt auch das Herz."(Inside Out)

"Jenna Harrison wird mit ihrer unglaublich kraftvollen Darstellung zum eigentlichen Star des Films." (Empire)

"Rotheroe nutzt gekonnt die gängigen Assoziationen, die sich mit dem dunklen Wald verbinden, ein ebenso magischer wie mysteriöser und bedrohlicher Ort . Die beiden jungen Hauptdarsteller überzeugen mit ihren schmerzhaften, sehr körperlichen Darstellungen, verstärkt durch Müllers rastlos suchende – buchstäblich in den Gesichtern suchende – Kamera." (Variety)

Regiestatement

Die Geschichte von My Brother Tom basiert auf dem Stoff eines Kurzfilms, den die Autorin Alison Beeton-Hilder auf der Grundlage ihrer langjährigen Arbeit mit Obdachlosen und Suchtabhängigen entwickelt hatte. Der Regisseur Dom Rotheroe, seit der gemeinsamen Zeit an der Filmhochschule in Harrow Anfang der 90er Jahre mit Beeton-Hilder befreundet, war von der Liebesgeschichte zwischen Tom und Jessica fasziniert. "Ich wollte mich auf die Magie konzentrieren, die diese zwei Menschen schaffen, um ihren Schmerz zu bewältigen", sagt Rotheroe, "auf das Extreme, das Besessene ihres Tuns. Das waren immer wesentliche Aspekte in meinen Kurzfilmen, auf eine gewisse Weise auch in meinen Dokumentarfilmen. Hier fand ich sie in einer Geschichte, die viel wahrer und herzzerreißender war. Es gibt eine Schönheit in den Gefühlen, die über die Dinge hinausweist – hier war sie im Übermaß vorhanden."

Carl Schönfeld, Rotheroes langjähriger Produzent und Mitbegründer der gemeinsamen Firma W.O.W. Productions, las 1994 den ersten Entwurf des Drehbuchs. "Die Beziehung zwischen Tom und Jessica hat eine besondere Qualität – von dem Moment an, als Tom aus dem brennenden Baum springt", sagt Schönfeld. "Ab diesem Moment ist es reines Drama: Schmerz und Gefahr, Mut, Wärme und Unterstützung. Diese Begegnungsszene ist in den fast 6 Jahren, die es zur Umsetzung des Projektes brauchte, eigentlich unverändert geblieben."

Zum Filmformat

Auch Robby Müller, dem Schönfeld und Rotheroe das Drehbuch geschickt hatten, um ihn als Kameramann zu gewinnen, war von der Geschichte sofort angetan. "Für Robby Müller war My Brother Tom das Lieblingsprojekt im Jahr 2000", erinnert sich Schönfeld. "Wir waren sehr glücklich, mit ihm arbeiten zu können, er ist einer der besten und kreativsten Kameraleute. Seine Vision, die Art, wie er die Intimität zwischen Tom und Jessica einfängt, war entscheidend für das Gelingen des Films."
Ursprünglich hatte Dom Rotheroe My Brother Tom für die 35mm-Kamera angelegt. "Ich hatte mir vorgestellt, viele Einstellungen als Close-Ups zu drehen, die Kameraführung sollte sehr kontrolliert sein. Zur gleichen Zeit dachte ich auch über einen Film nach, den ich auf Hi-8 drehen könnte, um unabhängig von der Filmförderung zu sein. Nach und nach kamen diese beiden Ideen zusammen. Denn tatsächlich schien mir DV wie geschaffen zu sein für die Idee des Films, nahe an den Gesichtern zu sein."
Um die Vorteile eines kleinen DV Camcorders ausschöpfen zu können – die Beweglichkeit, das kostengünstige Filmmaterial – musste Rotheroe ein Konzept entwickeln, das vom bereits bestehenden Storyboard stark abwich. "Es war nötig, sich von den exakt festgelegten Einstellungen zu trennen. Die rauhen, intimen Gefühle im Inneren der Geschichte verlangten nach einem rauhen, von Close-Ups bestimmten Ausdruck. Mich hat nicht die konventionelle Schönheit interessiert, sondern das Gefühl in den Gesichtern. Ich wollte die Kamera so weit wie möglich in die Lebenswelt der beiden Hauptfiguren integrieren, damit sie subjektiv und spontan auf das reagieren könnte, was in der jeweiligen Szene gerade passierte. Ich denke, der Verzicht auf die absolute Kontrolle, wie ich ihn vom dokumentarischen Arbeiten her kannte, half mir, diese grundsätzliche Veränderung gegenüber dem ursprünglichen Storyboard umzusetzen."

Der Erfolg der Dogma-Filme hatte zu dieser Zeit zwar ein größeres Vertrauen der Filmbranche in neue visuelle Umsetzungen geschaffen, das Konzept von My Brother Tom aber wich von dem inzwischen schon gewohnten Dogma-Look ab. Um die Förderer und Finanziers zu überzeugen, wurden deshalb Anfang 2000 zwei Testszenen gedreht, wobei Robby Müller aus Amsterdam anreiste, um selbst die Kamera zu übernehmen. "Der Vertreter der Finanzierungsgesellschaft hat wahrscheinlich einen Versicherungs-Herzanfall bekommen, als er Robby Müller mit seinen 59 Jahren auf der Suche nach einer Kameraposition munter einen Baum hochkletterten sah", erzählt Rotheroe. "Aber er konnte auch sehen, dass wir mit unserer Arbeitsweise fünf Einstellungen in einer Viertelstunde hinbekamen – was ihm die Gewissheit gab, dass wir sicher im Produktionszeitplan bleiben würden."

Besetzung

Ben Whishaw hatte sich schon für den Testdreh um die Rolle des Tom beworben. Carl Schönfeld war von Ben Whishaw sofort überzeugt. "Ben zeigte eine überwältigende Präsenz bei den Testdrehs", erinnert er sich. "Ob man ihn von ganz nahe oder aus grosser Entfernung zeigt, womöglich in einem Baum versteckt : seine Präsenz ist immer spürbar."
Auch Dom Rotheroe war sich schnell sicher, in Ben Whishaw die ideale Besetzung gefunden zu haben. "Nach dem ersten Vorsprechen habe ich mich noch eine Weile mit ihm unterhalten. Ich denke, er war ziemlich nervös, denn er zuckte am ganzen Körper. Er war ganz anders als alle, die sich sonst vorgestellt hatten. Ich spürte, dass Ben die Sensibilität hatte, die es für Tom brauchte. Er war jemand, der ‚verletzt' spielen konnte. Was seine Physis anbelangt, waren seine Magerheit und seine ungezwungene Körperlichkeit genau richtig. Und seine Augen sind unglaublich. Man kann ihn nachts im Wald aus 30 Metern Entfernung aufnehmen und immer noch das Gefühl in seinen Augen erkennen. Für mich ist Ben der aufregendste junge britische Schauspieler, den ich in den letzten Jahren gesehen habe."

Die Suche nach Jessica war langwieriger. Schließlich empfahl der bereits für die Rolle des Jack besetzte Schauspieler Adrian Rawlins eine seiner Schülerinnen aus einer Theatergruppe. Dom Rotheroe war von Jenna Harrison sofort beeindruckt: "Als sie die Reaktion von Jessica auf Tom beschreiben sollte, sagte sie: ‚Er ist wie ein verletztes Tier und ich weiß nicht, wo ich ihn streicheln soll.’ In dem Moment war mir klar, daß wir unsere Jessica gefunden hatten." Für die übrigen Rollen hatte Dom Rotheroe klare Vorstellungen, insbesondere für die Rolle von Jessicas Lehrer Jack und für die Rolle von Toms Vater: sie sollten atypisch besetzt werden, nicht als Monster, sondern als menschliche Wesen, für die das Publikum zumindest eine Spur von Gefühl entwickeln könnte.


Die Dreharbeiten

My Brother Tom wurde über einen Zeitraum von 6 Wochen im Sommer 2000 an Originalschauplätzen in Hertfordshire nördlich von London gedreht. Für die Aufnahmen wurde eine Sony PD 150 verwendet, die wenige Wochen vor Drehbeginn auf den Markt gekommen war. Ihr größter Vorteil war die Mobilität. Die gesamte Kameraausrüstung ließ sich in einer Tasche verstauen, das Neueinrichten von Szenen, das bei 35mm-Film eine Angelegenheit von Stunden ist, konnte in kürzester Zeit geschehen. "Das Drehen mit einer so kleinen Kamera ist allerdings auch ein Balanceakt, mit weitreichenden Folgen für das Team", erzählt Schönfeld. "Für die Kameraabteilung ist es bei dieser Art des Drehens einfach, die Position zu wechseln. Aber um diese Freiheit wirklich nutzen zu können, muss das Set oft komplett für 360-Grad-Kamerabewegungen eingerichtet werden, was dramatische Konsequenzen für die Ausstattungsabteilung hat."

Der Wechsel vom Dokumentarfach zum Spielfilm war für Dom Rotheroe eine künstlerische Herausforderung, vor der er großen Respekt hatte. "Ich war anfangs etwas nervös, was die Schauspielerführung anging. Ich wollte vor allem den beiden jungen Hauptdarstellern die Arbeit erleichtern und entschloß mich deshalb, die Szenen grundsätzlich in ganzen Einstellungen zu drehen, damit die Schauspieler den Rhythmus und die Emotionen halten konnten. Wir drehten dabei zum Teil aus mehreren Blickwinkeln, manchmal hatte die Kamera die Freiheit zu improvisieren. Der ganze Film wurde aus der Hand gedreht – um sich einerseits den turbulenten Gefühlswelten der Protagonisten anzupassen und es uns andererseits zu ermöglichen, bestimmte Momente schnell festzuhalten und die Schauspieler von dem Druck zu befreien, exakten Vorgaben folgen zu müssen. Ich denke, dass das Fehlen des ganzen für 35mm notwendigen Equipments – Schienen, Dollies, Stative – es Jenna und Ben leichter gemacht hat, die Kamera zu vergessen bzw. sie als Teil der Szene zu akzeptieren."

Das kostengünstige DV-Material ermöglichte es, die Kamera bei den Improvisationen mitlaufen zu lassen, die oft der jeweiligen Sequenz vorausgingen; auf ein bestimmtes Stichwort hin ging dieser Vorlauf dann nahtlos in die eigentliche Filmszene über. "Ich hatte großes Vertrauen zu Dom", sagt Ben Whishaw. "Er hört den Leuten zu und nimmt ihre Ideen ernst." Auch Jenna Harrison fühlte sich bei ihrem Schauspieldebüt in der Produktion gut aufgehoben. "Dom hat verstanden, dass ich kontinuierlich lernte, und gab mir die Zeit, die ich brauchte."

Den Dreharbeiten ging eine einmonatige Probenzeit voraus. "Einige Tage haben wir dabei auch im Wald verbracht – nur Ben, Jenna und ich, um uns kennenzulernen, Sympathie und gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln. Wir improvisierten alle möglichen Szenen und arbeiteten einige Stellen aus, wo Veränderungen am Drehbuch nötig waren. Aber das Wichtigste war, dass Ben und Jenna Freunde wurden", erzählt Dom Rotheroe. "Ben war großartig. Es war inspirierend, mit ihm zu arbeiten", sagt Jenna Harrison. "Es gab ein vollständiges Vertrauen zwischen uns als Schauspielern, so dass wir beide ohne Hemmungen und mit grossem Spaß spielen konnten."

Special Effects, Pyrotechnik und Sicherheitsvorgaben waren die Dinge, die die Dreharbeiten am meisten aufhielten. "Wir konnten während des Drehs eben nicht mehr einfach auf Bäume klettern, wie wir das bei den Probeaufnahmen gemacht hatten", erzählt Rotheroe. "Jetzt mussten wir die Vorschriften einhalten und jede Menge hochkomplizierter Sicherheitsseile spannen, was jeweils Stunden dauerte und uns die Freiheit kostete, die wir beim Testdreh hatten. Wir mussten es akzeptieren. Aber natürlich ist es immer schwer einzusehen, dass man nicht auf Bäume klettern darf – wo man doch genau weiß, dass man nicht runterfällt. An einem freien Wochenende habe ich dann aber doch heimlich ein paar Baum-Einstellungen gedreht."

Visuelle Gestaltung und Ausstattung

Schlüsselaspekte für die visuelle Gestalt des Films waren die minimale Ausleuchtung und die Arbeit mit der DV-Handkamera. "Der Film wird aus Jessicas Gefühlsperspektive erzählt, in ihrer ganzen Intensität, Liebe, Verwirrung, Schmerz und Rebellion", sagt Dom Rotheroe. "Er ist nicht sauber, er ist nicht glatt, er brauchte eine unmittelbare und rauhe Energie." Für die Kamera hatte Robby Müller klare Vorstellungen davon, wie er die Unterschiede zwischen Film und Digital-Video nutzen wollte. Wegen der Dynamik und Unvorhersehbarkeit der Dreharbeiten – die Schauspieler hatten keine Markierungen und konnten sich spontan bewegen – entschied er sich dafür, den Autofokus der Kamera zu benutzen und gelegentliche Unschärfen bewußt in Kauf zu nehmen. "Robby Müller ist ein sehr eigenständiger Künstler", sagt Rotheroe fort. "Er stellt die Verbindung zu der Geschichte, zum Drehbuch, zu den Schauspielern und zum Team instinktiv und mit einem großem Einfühlsvermögen her."
Die Produktionsdesignerin Isolde Sommerfeldt beschäftigte sich zunächst damit, ein Bild von Toms und Jessicas Welt zu entwerfen. "Toms billiger Wohnsiedlung steht Jessicas schönes Haus am Stadtrand gegenüber, in der Nähe von Feldern und Wäldern" erklärt sie. "Beiden Häusern gemeinsam ist ein bestimmtes Erstickungsgefühl: Bei Tom ist die tote Mutter allgegenwärtig, die Einrichtung sieht spartanisch und gleichzeitig merkwürdig schäbig aus, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Die Einrichtung stammt ebenso wie Toms Kleidung aus den frühen Achtzigern, ist aber farbloser. Jessicas gepflegtes Zuhause ist geprägt von den Projektionen des Familienlebens, hier der etwas buntere Geschmack der Mutter, dort die dunklen Antiquitäten des Vaters."
"Der Gegenpol zu alldem ist der Wald", sagt Dom Rotheroe. "Jessicas und Toms wirkliches Zuhause ist die behelfsmässige Höhle, in der sie sich eingerichtet haben. Weil ich einen Ort haben wollte, der sich echt anfühlt, habe ich einen Wald ausgesucht, der nicht übermäßig eindrucksvoll ist. Allein die Gefühle der beiden Protagonisten machen ihn zu einem magischen Ort, wobei wir dieses magische Element weder durch die Lichtsetzung noch durch die Ausstattung künstlich hergestellt haben. Das Licht in der Höhle z.B. ist nur deshalb orange, weil Tom eine Baulampe geklaut hat und Kerzenlicht benutzt."
Um den technischen Parametern der Kamera gerecht zu werden, arbeitete Isole Sommerfeldt eng mit dem DV-Berater Julian Guillaume zusammen. So mussten z.B. bestimmte Farben und Muster vermieden werden, da DV-Kameras anders als Filmkameras auf grelle Farben, insbesondere auf orange reagieren. Diese Eigenschaft konnte man sich jedoch auch zunutze machen. Für eine Waldsequenz knüpfte Sommerfeldt silberne Metallstreifen in die Zweige der Bäume, um die farbigen Lichter zu reflektieren, mit denen sie angestrahlt wurden. In der DV-Kamera wurden die Reflektionen dann zu einem Funkeln, das die Magie der Szene unterstrich.
Mit dem Verlauf der Dreharbeiten waren alle Beteligten sehr glücklich. "Es war keiner dieser Drehs, über die man hinterher unendlich viele Anekdoten erzählen könnte", sagt Rotheroe. "Es gab schlichtweg keine größeren Katastrophen. Das Wetter meinte es gut mit uns, die Kamera funktionierte, wir wurden von keiner Location vertrieben. Selbst die Tiere spielten großartig mit – die Aufnahme mit dem Taubendreck z.B. haben wir in einem Take gedreht (um das hinzukriegen, muss man die Taube offenbar nur ein par Mal umdrehen und dann wieder hinsetzen); und der Igel lief so wunderbar durch die Gegend, dass man es nicht besser hätte choreographieren können."
"Entscheidend für die Arbeit am Set war die Konzentration: sicherzustellen, dass man keines der unzähligen kleinen Details vergisst, und darauf zu achten, dass sie bemerkt werden, ohne auffällig zu sein. Aber es geht auch darum zu beurteilen, ob die Einstellung, die man gerade gedreht hat, die beste ist, die man in diesem Moment kriegen konnte – oder ob man alles zusammenschreit und darauf besteht, die Einstellung zu wiederholen, was bedeutet, dass bei allen der Enthusiasmus für die nächste Szene nachlässt."Seit seiner Uraufführung im Wettbewerb von Rotterdam 2001 wurde My Brother Tom zu weit über 30 Festivals eingeladen und mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet. "Für mich war der Moment, an dem sich alles ausgezahlt hat", sagt Dom Rotheroe abschließend, "die Szene, als Tom und Jessica sich die Kleidung herunterreißen und wie toll durch den Wald rennen. Es war das erste Mal, dass sie nackt waren, was eigentlich schon schwierig genug war. Ich hatte ihnen vorher ein paar Hinweise gegeben, was in der Szene nötig und möglich wäre. Die Crew zog sich zurück, wir ließen zwei Kameras laufen – und Ben und Jenna legten los, in einer einzigen, 13minütigen Einstellung. Als ich versuchte, sie zu beruhigen und die Szene zu Ende zu bringen, machten sie einfach weiter – sie waren noch mittendrin. Für uns alle war das der Höhepunkt der Dreharbeiten.".

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