Pigs Will Fly

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Pigs Will Fly

Ein Film von Eoin Moore

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Einmal mehr prügelt der Berliner Streifenpolizist Laxe seine Frau Manuela in hysterischer Eifersucht krankenhausreif. Aber dieses Mal geht Laxes Umgebung nicht stillschweigend über seine Raserei hinweg. Laxe, vom Dienst suspendiert, hält es für angebracht, für eine Weile von der Bildfläche zu verschwinden.

Kurz entschlossen besucht er seinen Bruder Walter, der in San Francisco eine neue Heimat gefunden hat. Die fremde Umgebung und das Wiedersehen mit Walter, der in seiner nachdenklichen, selbstkritischen Art ganz anders und seinem älteren Bruder dennoch ähnlich ist, stellen Laxes verqueres Selbstbild zunehmend auf die Probe. Als sich Laxe in die rätselhafte junge Deutsche Inga verliebt, beginnt eine gefährliche Gratwanderung zwischen Neubeginn und Vergangenheit.

Pigs Will Fly erzählt von einem der auszieht, das Fürchtenmachen zu verlernen – eine dramatische Reise auf Messers Schneide, zwischen Sehnsucht und Angst, Liebe und Gewalt. Eoin Moore wagt diese Erzählung aus der Perspektive des Täters, ohne ihn zu entlasten – er entlarvt, ohne den Blick auf die Opfer zu verstellen. Andreas Schmidt verkörpert diese permanente filmische Gratwanderung furios und facettenreich, im intensiven, authentischen Zusammenspiel des gesamten Ensembles. Ebenso wie Schmidt waren auch Kirsten Block (Manuela), Thomas Morris (Walter) und Laura Tonke (Inga) maßgeblich an der Figuren- und Buchentwicklung beteiligt.

Für die Kamera war Bernd Löhr verantwortlich, der mit Eoin Moore bereits bei plus minus null zusammen arbeitete, dem ersten in Deutschland auf DV gedrehten Spielfilm. Um der Intimität und Gebrochenheit des Stoffs gerecht zu werden, entschieden sich Moore und Löhr auch bei Pigs Will Fly für die DV-Kamera und die Arbeit im kleinen Team. Überwiegend vom Stativ gedreht, mit einer Kameraführung, die den Blick auf die inneren Bewegungen der Protagonisten eröffnet, erweitert Pigs Will Fly das Spektrum der gängigen DV-Ästhetik – weg von der Handkamera, hin zur sorgfältig komponierten Bildgestaltung. Produziert wurde Pigs Will Fly von workshop, der von den moneypenny-Produzentinnen Anne Leppin und Sigrid Hoerner gemeinsam mit Eoin Moore gegründeten Produktionsfirma.

Pigs Will Fly wurde für den Deutschen Filmpreis 2003 in drei Kategorien nominiert: Bester Film, Bester Hauptdarsteller - Andreas Schmidt, sowie Beste Schauspielerin in einer Nebenrolle - Laura Tonke.


Pressestimmen

"Eine ernste Geschichte, erzählt mit bewundernswerter Lakonie und Leichtigkeit." (Der Spiegel)

"Eine grandiose Charakterstudie mit erstklassigen Schauspielern... Unbedingt ansehen!" (BZ)

"Kleine Details signalisieren, ähnlich wie bei David Lynch, den unmittelbar bevorstehenden Zerfall der idyllische Fassade. Und ganz wie Dennis Hopper in Blue Velvet vermag Andreas Schmidt dieser Unberechenbarkeit ein glaubhaftes Gesicht zu geben. Wenn Laxe in San Francisco aus dem Flugzeug steigt, öffnet sich nicht nur optisch der Raum. Berliner Enge und Grau fallen von ihm ab, alles scheint möglich. Es spricht für die Klugheit dieses Films, die Odyssee des Laxe nicht in das Happy End einer wundersamen Wandlung umzubiegen." (Berliner Zeitung)

"Großes Gefühlskino, fulminante Darsteller!" (Blickpunkt Film)

"Pigs will fly besticht durch die erzählerische Ökonomie und die kunstfertige Schauspielarbeit, die schon Eoin Moores atmosphärisches Debüt plus minus null ausgezeichnet haben. Andreas Schmidt gewinnt seiner Figur ebenso erschreckende wie sanfte Züge ab, auch die übrigen Hauptdarsteller spielen mit großer Präzision und intensiver Natürlichkeit und Spontaneität. Im Gegensatz zu der dunklen Stimmung der Geschichte steht der Soundtrack mit seinen warmen akustischen Tönen, während Bernd Löhrs souveräne Kamera die gespannte Atmosphäre des Films unterstreicht." (Variety)

"Andreas Schmidt spielt mit einer überwältigenden Hingabe und Überzeugung, überzeugend in seinem Charme wie in seiner Zwanghaftigkeit... Pigs Will Fly ist ein ausgezeichnet gespielter Film, ein spannender Blick auf die Gefühlswelten eines Mannes auf dem schmalen Grat zwischen Sehnsucht, Liebe und Gewalt." (Jump Cut)

"Ein scharfer, ein strenger Blick auf das Wahre... So eine Geschichte kann nur wehtun. Es wäre feige zu beschönigen, weil es nichts zu beschönigen gibt. Pigs Will Fly ist ein nachdenklicher, ein verstörender, ein unbequemer Film. Vor allem aber ist er ehrlich." (Player)

"Der Laxe aus Pigs Will Fly ist eine der verstörendsten Figuren, die der deutsche Film seit Jahren hervorgebracht hat. Und, falls man ihn bisher nicht entdeckt hat: Andreas Schmidt ist im deutschen Kino nicht mehr zu übersehen!" (Die Welt)

"Realistisch und bewegend... Eoin Moore hatte die geniale Idee, diese Geschichte nicht aus der Sicht des Opfers sondern aus der des Täters zu erzählen - herausragend dargestellt von Andreas Schmidt." (Guay. com, Spanien)

"Eoin Moores Psychogramm einer Zeitbombe auf zwei Beinen kann man sich nur schwer entziehen!" (Cinema)

"Das aufwühlende Psychogramm eines Neurotikers... Konsequent hält Moore die emotionale Spannung zwischen den Figuren. Ständig droht das fragile zwischenmenschliche Gebäude einzustürzen und alle unter sich zu begraben. Dadurch packt uns Eoin Moore und zerrt uns hinein in das Schicksal seiner einfachen Leute." (Der Tagesspiegel)

Regiestatement

Die Idee zu Pigs Will Fly entstand während der Arbeit an Eoin Moores erstem Spielfilm, plus minus null. Andreas Schmidt spielt dort den Bauarbeiter Alex, der sich durch das Berlin der 90er Jahre schlägt. Frau und Kind haben ihn verlassen: Was, fragten sich Moore und Schmidt bei der Figurenentwicklung, könnte dem Scheitern von Alex’ Ehe vorausgegangen sein? Neigte Alex zur Gewalttätigkeit gegenüber seiner Familie? Für plus minus null verwarfen die Autoren diese Möglichkeit wieder, weil sie zu eigenständig war – der Ausgangspunkt von Pigs Will Fly war geschaffen. Aus Alex wurde Laxe.

Mit dem Thema der häuslichen Gewalt bewegte sich Eoin Moore in eine filmisch kaum erkundete Richtung. Die wenigen Filme, die sich damit beschäftigten, waren aus der Perspektive des Opfers erzählt. "Für mich war der Täter das Rätsel. Es ging mir darum, die Psychologie des Täters zu verstehen, um den Mechanismus der Gewalt zu durchbrechen", erzählt Eoin Moore. "Wenn wir den Täter in die Schublade des ‚Bösewichts’ stecken, verliert er seine reale Identität in der Gesellschaft – vielen Tätern begegnen wir ja als unauffälligen, durchaus netten Zeitgenossen, denen ‚Frauenschläger’ keineswegs auf die Stirn geschrieben steht. Mich hat die Herausforderung gereizt, bei einem Thema, das so extreme Emotionen auslöst, den Täter, den Bösewicht als Hauptfigur zu etablieren. Wir sollen die Figur verstehen, aber wir dürfen sie nicht entlasten – diese Gratwanderung zwischen Identifizierung und Verurteilung fand ich extrem spannend."

Der Täter als Hauptfigur

Im Herbst 1999, noch während der Postproduktion von Moores zweitem Spielfilm Conamara, begannen Eoin Moore und Andreas Schmidt sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen. Zunächst ging es darum, aus den verschiedenen möglichen Täterbildern einen Typus zu bestimmen und die individuelle Psychologie der Figur zu ergründen. "Laxe entspricht dem Bild des sogenannten ‚zyklischen Mißhandlers’", erzählt Eoin Moore. "Seine Gewaltausbrüche richten sich gegen die Partnerin und folgen einem immer wiederkehrenden Schema: Mißtrauen, Kontrollieren, Beleidigen, Erniedrigen, schließlich die körperliche Gewalt; dann eine Phase der Reue und Änderungsversprechen, bis der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Die Gewaltausbrüche sind jeweils die Höhepunkte einer extrem komplexen, dauernden Mißhandlung." Während Eoin Moore sich überwiegend mit dem theoretischen Teil der Recherche beschäftigte, besuchte Andreas Schmidt Therapiegruppen, nahm an deren Sitzungen teil und führte zahlreiche Einzelgespräche. Nach und nach entwickelten Moore und Schmidt vor dem Hintergrund der allgemeinen Recherche die individuellen Züge ihres Protagonisten. "Uns hat interessiert: Wie funktionieren die Abgründe, was lösen sie für Mechanismen aus, wie werden sie zum elementaren Teil eines Charakters?"

"Es war klar, dass wir auch charmante Züge für Laxe finden müssen. Wir mussten zeigen, dass er für eine Partnerin attraktiv sein kann", meint Eoin Moore. "Das Spannendste war, die Geschichte so zu erzählen, dass man Laxe und seinen Handlungen folgen kann. Er hat sein eigenes System, seine eigene Logik. Andreas hat immer nach Begründungen für Laxes Handlungen innerhalb dieser Logik gesucht, sie mussten für seine Figur ‚vernünftig’ sein. Das heißt, man nimmt eine Erzählposition ein, die sagt: Laxe schlägt Inga nicht, weil er ein gewalttätiger Typ ist, sondern weil sie ihn gerade anschreit – ‚Ich knall dir eine, um dich zu beruhigen!’, wie Laxe sagt. Dieser absurden Logik sind wir gefolgt. Dann kann man auch erzählen, wie Laxe anschließend zu Inga kommt und sie fast liebevoll fragt: ‚Na, hast du dich wieder beruhigt?’ – und sie lässt es sich gefallen! Auch das ist Teil dieses Mechanismus, dieser Logik."

Aus der Figur und der Grundkonstellation der Geschichte ergab sich eine weitere erzählerische Herausforderung: eine Hauptfigur spannend zu machen, die sich aus sich selbst heraus nicht verändern kann. "Ohne Hilfe, ohne Druck von außen, ohne Therapie hat jemand wie Laxe keine Chance; es wäre absolut falsch gewesen zu behaupten, dass er das könne. Das heißt, Laxe ist innerhalb der gängigen Dramaturgie – die von der Entwicklung: Konflikt, Entscheidung, Veränderung ausgeht – als Figur eigentlich extrem unspannend. Es gibt Momente und Impulse, die ihm helfen sich zu erkennen und zu entscheiden. Aber er kommt nicht weit. Das Spannende lag für uns darin zu fragen, ob es jemanden gibt, der ihn zwingt sich zu verändern. Inga ist eine Herausforderung, auch Walter auf seine Art, aber beide können seine Logik nicht durchbrechen. Laxe ist derjenige, der forciert, der sich und seine Umgebung in Situationen bringt, in denen ihm dann die anderen wieder helfen müssen. Die Grundspannung liegt in der Situation selbst, in Laxes System, in seiner Logik. Pigs Will Fly hing deshalb vollkommen davon ab, wie die Schauspieler diese Spannung ausdrücken können – ohne die unglaubliche Arbeit und Hingabe von Andreas, Thomas, Kirsten und Laura hätte es nicht geklappt."

Work In Progress

Kirsten Block, die die Hauptrolle in Andreas Schmidts eigener Regiearbeit ‚Jeder für sich’ gespielt hatte, war von Beginn an eine klare Wahl für die Rolle der Manuela. Auch sie war maßgeblich an der Entwicklung ihrer Figur beteiligt. "Ausgehend von der Täterperspektive des Films musste die Figur des Opfers extrem präzise erzählt werden, damit man ihr trotz der notwendigen Verknappung als eigenständiger Figur gerecht wird", erzählt Eoin Moore. "Kirsten hat in der Vorbereitung selbst Therapiegruppen besucht und dafür gesorgt, dass wir gegenläufig zu unserer Erzählposition auch die Perspektive des Opfers im Auge behalten. Sie bestand darauf, dass Manuela in der Geschichte eine Entwicklung durchmacht – wofür die Figur Zeit braucht. Über die Jahre hat Laxe es verstanden, sie systematisch zu kontrollieren und die Kontakte gegenüber ihrer Umgebung zu verhindern. Über die Erlebnisse zuhause kann sie mit niemandem mehr offen reden – normale Maßstäbe gelten nicht mehr, schließlich gibt sie sich selbst die Schuld an den Prügeln. Erst als Laxe weg ist, beginnt sie den Mechanismus zu durchbrechen, und als er zurück kommt, braucht sie nochmals Zeit, bis sie ihre Panik in die Trennung von Laxe umsetzen kann. Am Ende sind es die Geräusche des Frühstückkochens, das Pfeifen von Laxe, das Brutzeln der Spiegeleier, dieser Alltag, als sei nichts gewesen… was ihr die Motivation gibt zu gehen. Ihre Entwicklung ist widersprüchlich, es ist eine Achterbahnfahrt, und am Ende gibt es keine elegante Flucht."

Als die Idee aufkam, Laxe einen Bruder zur Seite zu stellen, dachte Eoin Moore sofort an Thomas Morris, den er 1999 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken kennengelernt hatte. Thomas Morris traf sich in der Recherche mit Psychologen und entwarf gemeinsam mit Andreas Schmidt die fiktive Kindheit des ungleichen Brüderpaares. Die Figur des Walter war eine eigene Herausforderung: Im Gegensatz zu Laxe hat er seine Angst und Wut nach innen gekehrt und die Symptome mit Therapien und kreativen Mitteln in den Griff bekommen. Entsprechend musste Thomas Morris seine Figur durch sehr zurückgenommes Spielen, sozusagen durch ‘Nicht-Spielen’, durch Auslassungen erzählen.

Laura Tonke kam im August 2000 dazu – die Figur der Inga war das letzte Teil im Puzzle der Hauptdarsteller. Auch sie wurde in die Stoff- und Figurenentwicklung integriert, die im ständigen Austausch zwischen Schauspielern und Autoren vor sich ging. "Im Vergleich zu plus minus null und Conamara war die Arbeitsweise bei Pigs Will Fly eine Mischform", erzählt Eoin Moore. "Bei plus minus null haben wir mehr oder weniger einfach losgelegt. Conamara war wesentlich ‚dramaturgielastiger’ – ich habe viel Zeit mit dem Co-Autor verbracht. Bei Pigs Will Fly kam zuerst eine lange Phase der Arbeit mit den Schauspielern, in der wir die Figuren und die Möglichkeiten für die Geschichte entwickt haben. Anfang 2001 hatten wir drei Wochen intensiver Schauspiel- und Improvisationsarbeit, danach habe ich mit der Co-Autorin Nadya Derado und der Produzentin Sigrid Hoerner angefangen, die Geschichte aufzuschreiben. Der ganze Prozess war ein Wechselspiel, das mit dem unmittelbaren Austausch zwischen Buch und Schauspielerarbeit während einer letzten, einmonatigen Probenzeit abgeschlossen wurde."

Für die Produktion von Pigs Will Fly gründeten die moneypenny-Produzentinnen Sigrid Hoerner und Anne Leppin gemeinsam mit Eoin Moore die workshop GbR. "Sigrid und Anne boten dem Projekt die Lenkung, die Fokussierung, die es brauchte", erzählt Moore. "Wir waren gemeinsam auf der Suche, und wir wollten, dass die Natur des Projekts so bleibt: eine Erkundung, eine Forschungsreise. Unsere Arbeitsweise des Workshop-Verfahrens ergab sich zum einen aus dem Thema selbst, zum anderen wollten wir die ‚Zündungsenergie’, die es am Anfang eines Projektes gibt, mit in die Dreharbeiten nehmen. Im Normalfall machen sehr wenige Leute den langen Weg von der Idee bis zur Drehreife eines Films mit – bei Pigs Will Fly wollten wir die Energie weiter streuen, eine kollektive Energie entwickeln, die sich auf mehr Leute überträgt und wieder zurückkommt."

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